Ich habe gestern feierlich - ohne Glockengeläute, Böllerschießen und Champagner, aber mit feierlichen Gefühlen von einem guten Freund Abschied genommen. Wir kannten uns lange, sahen uns fast täglich mehrere Male und hatten einander häufig allerlei zu sagen. Wenigstens er mir.
Er heißt der Zolverknapp.
Mittags lag er genau in der Richtung meines Nachhauseweges, wie ein Zielpunkt, auf den die weißgraue Rauchraupe des Pariser Zuges loskroch. Von meinem Arbeitszimmer aus sah ich ihn durchs Fenster am Horizont stehen, wenn die Aussicht nicht vom Kirschbaum zugeblüht oder vom Nebel verhängt war. Wenn man die Siebenmeilenstiefel der Sehnsucht in die Welt anhatte, war der Zolverknapp der erste Punkt, nach dem der Schritt zielte und von dem er sich abschnellte zu weiterer Wanderung. Lege ein Lineal auf die Landkarte von Luxemburg über den Zolverknapp und sieh, wie die Linie weitergeht: Longwy. Dun s./Meuse, Apremont, Epernay, Meaux, Paris - dann ein weiter Sprung: Paris-Quiberon, der blaue Ozean, die braunen Segel der Sardinenfischer, die weißen Fassaden von Belle Isle, die roten Strandklippen, schriller Möwenschrei, rauschende Dünung, kielgespaltene Wellen, die die Hand liebkosen, Weite, grenzenlos!
Über den Zolverknapp herüber kamen die Lustwellen, die in jenen Jagdgründen des Todes die Wut der Geschütze schlug, kamen die ersten Flieger, die die neue Botschaft von der Herrschaft des Menschen über den Raum verkündeten. Damals standen wir erwartungsvoll in den Merler Wiesen und hielten Ausschau nach dem Zolverknapp, bis die zwei schwarzen Pünktchen auftauchten, Védrine und Parmelin und jemand sang: C’est un oiseau qui vient de France! So stand er da, mein alter Freund Zolverknapp und kündete weit ins Land hinein: Hier beginnt eine andere Welt, bis hiehin und nicht weiter reicht das Friedenseiland, auf dem Ihr Euch des Lebens freut, hinter mir wohnt eine Menschheit, die sich selbst ihrer Haut wehren muß.
Solche und ähnliche Reden hielt einem der Zolverknapp, wenn man sich mit ihm einließ.
Jetzt habe ich von ihm Abschied genommen, weil wir uns nicht mehr sehen können. An der Peripherie der Stadt sind an den Baugerüsten neue Häuser hinaufgewachsen, wie Kletterpflanzen an ihren Stangen, und haben die Aussicht nach Südwesten gesperrt. Wenn ich jetzt den Zolverknapp sehen will, muß ich auf seinen kleinen Vetter, das Merler Geißknäppchen, steigen und ihm von dort aus zuwincken. Das tat ich also gestern, und mir war, als winkte mir der Zolverknapp zurück: Adieu, altes Haus, jetzt gib das Schweifen in die Ferne auf und schließe Dich in den neuen, engen Umkreis ein. Dein Blick geht nicht mehr bis an die waldigen Horizontlinien, er geht nur noch bis an die nahen Dächer, unter denen Menschen wohnen, Menschenschicksale weben. Schränke Dich ein, kümmere Dich mehr um das Rächste, statt um das Ferne und Fernste. Alles Ferne ist ja doch immer wieder das Nächste, sobald die Sehnsucht es ersehnt hat. Und so weiter und so weiter.
Du hast gut reden, alter Zolverknapp, Dir können sie so bald die Aussicht nicht verbauen.