Denken Sie Sich der Einfachheit halber anstelle des Stadtplans ein entsprechend großes Viereck a b c d. a und d bezw. b und c stehen sich in der Diagonale gegenüber. Ohne längere geometrische Studien getrieben zu haben, sehen Sie sofort, daß die zwei größten Entfernungen in diesem Viereck von a nach d bezw. von b nach c gehen.
Nun denken Sie Sich zweitens den Morgen eines kalten, stürmischen, regnerischen Wahltags und drittens eine Dame, die z. B. in a wohnt und viel lieber zuhaus sitzen bliebe, als daß sie sich in das schlechte Dezemberwetter hinaus wagt. Wie macht man es, viertens, um einer solchen Dame die obligatorische Erfüllung ihrer Bürgerinnenpflicht so leicht wie möglich zu machen?
Da fünftens bei d ein Wahlbüro eingerichtet ist, so versteht es sich sechstens von selbst, daß die Dame von a nach d wählen gehen muß.
Ich begegnete ihr oben am Eingang zum Saal, wo die Urnen unserer Zettel harrten. (Wie man übrigens dazu kommt, eine viereckige Holzkiste mit dem evokatorischen Namen Urne zu belegen, ist mir ein Rätsel.) Die Dame ärgerte sich. Sie tat es diskret, würdevoll, wie es einer Dame ziemt. Ein Herr, der im selben Fall war, ärgerte sich temperamentvoller, substantieller sozusagen. Die beiden gaben jedes an seinem Teil meinen eigenen Empfindungen Ausdruck, denn auch ich war eine ganze Stadtdiagonale entlang zu der Schicksalskiste geeilt, der für die nächsten Jahre Heil oder Unheil für unsere Vaterstadt entsteigen sollte. Aber ich tat es gern, denn es war sowieso mein Weg zum Bahnhof.
Schon hatte ich mich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß ich den Saal betreten würde ausgerechnet in dem Augenblick, wo 10 Sekunden vorher mein Name aufgerufen worden wäre, daß ich also die zweite Hälfte des ersten Namensaufrufs und die erste Hälfte des zweiten abwarten müßte, ehe ich an die Reihe käme. Ich wußte auch, daß Anweisung gegeben war, die Namensaufrufe hinauszuzögern, damit es recht lange dauerte, mein Zug fuhr, wie ich glaubte um 9.47 und ich war trostlos bei dem Gedanken, daß ich ihn sicher verfehlen würde. Dieser Gedanke wurde zur Gewißheit, als ich beim Eintritt in das Wahllokal den Namen Wegener fallen hörte. Ich war also ausgerechnet eine Viertelminute etwa zu spät gekommen. Aber ich nahm meinen Mut in beide Hände und trat auf den vertrauenerweckenden jungen Mann zu, der als Exponent des Wahlbüros vor der spanischen Wand saß und die Wähler aufrief. Ich fragte ihn, ob es nicht möglich sei, mich außer der Reihe dranzulassen, da ich sehr pressiert sei. (Später sah ich, daß mein Zug erst 10.13 fuhr, ich also um genau 26 Minuten überpressiert gewesen war.) Der junge Mann öffnete liebenswürdig für mich eine Klammer und ich durfte meine Punkte schwärzen, meine Kreuze machen und im Bewußtsein meiner erfüllten Pflicht abziehen.
Oben auf dem Treppenabsatz, am Eingang zu meiner Wahlsektion, stand ein Herr Kaplan, der mir nachsah, wie ich die Treppe hinunterging. Die Stufen sind vorn mit Metalleisten beschlagen. Ich hatte genagelte Wanderschuhe an. Auf einmal befanden sich, sehr gegen meinen Willen, meine beiden Fußspitzen vorn etwa in der Höhe meiner Nase, den Bruchteil einer Sekunde lang hatte ich jeden Zusammenhang mit dem Boden verloren, um ihn im nächsten Moment heftig wiederzufinden. Ich fiel dabei nicht auf die Füße. Aber es ging alles glimpflich ab. Ich schoß polternd den ganzen Treppenabsatz hinunter - nicht auf den Füßen - zum Schrecken der Umstehenden, bis ich unten so schleunig es ging, wieder zu einer senkrechten Haltung zurückkehrte.
Vielleicht dachte der Herr Kaplan: Aha, Strafe Gottes! Vielleicht waren es auch nur die genagelten Schuhe.
Jedenfalls ist mir das Schicksal eine Revanche schuldig. Wenn bei den Wahlen meine Kandidaten siegen, will ich es gerne tragen, daß ich heute beim Sitzen einen unangenehmen Druck verspüre, nicht in den Füßen.
Meine Freunde werden nicht sagen können, ich habe mir ihre Wahl nichts kosten lassen.