Vor einigen Tagen sprach ich hier von unsern Kanonen als den einzigen Kanonengreisinnen, aus denen heute noch geschossen wird. Ein junger Luxemburger, der 1914 bis 1918 als französischer Fremdenlegionär im Feuer war und zweifelsohne mehr von Kanonen und Schießen versteht, als ich, ist so freundlich, mich eines Besseren zu belehren. Seine Mitteilungen sind so interessant, daß ich ihm gerne hier das Wort gebe. Er schreibt:
„Vor sechs Jahren ist’s anders gewesen. Als damals die Deutschen uns so ganz unverhofft mit ihren abscheulichen Minenwerfern belästigten, mußte schnell ein Gegenmittel gefunden werden, und «en attendant» daß die französischen Fabriken das nötige Zeug fertiggestellt hatten, gaben die Museen ihre alten Kanonen her. Der erste Minenwerfer, der in unserem Graben funktionierte, war ein Mörser ohne Räder, mit seinem Gestell aus einem Stück gegossen. Jedesmal, ehe geschossen wurde, trugen vier Mann ihn an einer Eisenstange zu seiner Stelle. Und dann kamen richtige runde Bomben hinein, so wie diejenigen des Herrn Vauban, mit dem Unterschied, daß die unsrigen mit Melinite statt Schwarzpulver geladen waren. Als echter Sportsman hielt unser Capitaine darauf, das Ding selbst abzuschießen, und wir horchten belustigt auf das gemütliche „Bumm“, womit die Bomben absegelten. Das Spiel dauerte nie lange. Die armen Teufel, welche die schwere Kröte hingebracht hatten, mußten sie auch wieder forttragen.
Bei dem Zündloch des Geschützes, waren die Worte eingegraben: «Fondu à Toulouse 1848.» Ich glaube, die luxemburgische Artillerie stammt aus dem Jahre 1834. Nun haben aber Kameraden aus andern Regimentern mir versichert, daß sie 1914-15 noch ältere Kanonen in Betrieb gesehen haben.
Auch in anderen modernen Kriegen wurden ähnliche Kanonen verwandt. In einem amerikanischen Museum habe ich einen Mörser gesehen, den die U. S. in Manila erobert hatten. Er hatte einen äußerst kurzen Lauf von riesigem Durchmesser und war rund herum mit wirklich schönen Reliefs geziert, dem Aussehen nach ein großer Spucktopf aus einem Aztekensmoking-room. Daneben lagen dazu gehörende Geschosse, große runde Kugeln, noch dicker als die in der Viandener Burg. Mit diesem Instrument beantworteten die Spanier a. d. 1898 das Feuer der amerikanischen Panzerschisse. Das Resultat ist bekannt.
Auffallend ist, daß auch damals wieder ein Luxemburger im Vordergrund stand: Charley Dutreux, Sohn von Charles Dutreux aus Grevenmacher resp. San Francisco, der erste amerikanische Soldat, der den Fuß auf die Philippinen setzte und eine spanische Fahne, die durch ein Carnegie-Geschütz abgeschnitten worden und dann vom Fort auf die Beach heruntergefallen war, mit zurückbrachte.
Man möchte glauben, die Luxemburger seien dazu bestimmt, in Kriegen immer als die ersten entweder „an der Reihe“ oder „in der Reihe“ zu sein. Da, wo jetzt der ewige Weltfriede zusammengebraut wird, scheint sich die Sache auch so zu „schosseln“, daß wir bei der nächsten Keilerei wieder die Ehre haben werden.“
Mein junger Korrespondent scheint also für die Zukunft nicht an das Zeitalter der Lederkanonen zu glauben.