Original

17. März 1921

Es wäre in diesen Tagen vielleicht angebracht, sich über den Begriff Proletarier klar zu werden.

Das Wort kommt vom lateinischen proles (Nachkommenschaft) und hat eine altgeschichtliche Bedeutung, auf die hier nicht eingegangen zu werden braucht. Prolctarier wären somit die Angehörigen einer besonders kinderreichen Klasse. Die obern Zehntausend aber zeichneten sich nie durch Kinderreichtum aus.

Das verächtliche „Prolet“, das soviel wie Knote bedeutet und besonders zum Wortschatz der Studenten und Offiziere gehörte, hat keinen sozialen Beigeschmack.

Als Proletariertum galt von jeher die große, anonyme Masse derer, die vom Verdienst des Tages, von der Hand in den Mund leben, keine feste Stellung, keinen Anspruch auf morgen haben, im Gegensatz zu der Bürgerschaft mit Vermögen oder gesichertem Fortkommen. im Gegensatz besonders zum sogenannten Kapitalismus.

Aber seit einiger Zeit zeigt der Begriff Proletariat eine merkwürdige Tendenz zur Ausdehnung. Wir hörten dieser Tage in der Kammer, daß Herr Alois Kayser sich zum Proletariat rechnet. Früher wäre es niemanden eingefallen, den Vorsteher eines der wichtigsten Bahnhöfe des Landes als Proletarier zu bezeichnen. Ich hörte kürzlich die Auffassung vertreten, daß der Direktor eines der größten Industriekonzerne des europäischen Westens als Arbeiter, mithin als Proletarier, anzusehen sei.

Ich habe nichts dagegen. Aber dann muß die Grenze einmal deutlich gezogen werden, damit wir wissen, wer das Recht hat, sich Proletarier zu nennen. Denn es ist scheint’s heute ein Ehrentitel geworden, wie zur Zeit der Kämpfe der Niederlande gegen Spanien der Name Geusen. Wenn die niederländischen Edelleute sich stolz ingrimmig Bettelsäcke nannten, darf sogar ein luxemburgischer Bahnhofvorsteher sich Proletarier nennen.

Also wo hört dann jetzt der Proletarier auf und wo fängt der Kapitalist an? Wenn die Direktoren, die Ingenieure, die Werkbeamten mit zum Proletariat gehören, wer gehört dann nicht mehr dazu?

Ja, heißt es, das sind die Kapitalisten. Das sind die Bösewichte, die in ihren üppigen Schlössern sitzen und durch lange Rohrleitungen den Rahm von der Industriemilch in ihre Kassen leiten. Das sind die Drohnen, die Schlemmer, die Faulenzer, die Unnützen. Gegen die Ingenieure, gegen die Kaufleute, die im Betrieb wirkliche Arbeit leisten, haben wir nichts. Die wollen wir beibehalten, die sollen auf ihren Posten bleiben, auch wenn das Werk einmal den Arbeitern gehört.

Denkt man nun ein wenig näher über jene Kapitalistenbrut nach, so findet man, daß sie heute merkwürdig zusammengeschmolzen ist und immer mehr zusammenschmilzt. Es kann einem hierzuland passieren, daß einem bei Diskussionen über dies Thema immer wieder eine bestimmte Persönlichkeit, und immer wieder dieselbe als abschreckendes Beispiel vor Augen gehalten wird. Aber die Stinnes, die Thyssen, die Kirdorf usw., die gehören doch wohl nicht zu den Drohnen, den dickgesressenen Faulenzern? Oder doch? Da schwankt die Grenze zwischen Proletariat und Kapitalismus.

Vielleicht werden aber die Söhne dieser Industriekönige sich zurückziehen und die Schätze, die ihre Väter gesammelt haben, in Ruhe verzehren. Sie brauchen darum keine wüsten Schlemmer zu sein. Es gibt Arten des Genießens, die eine kulturschöpferische Tätigkeit bedeuten. Es gibt solche Kapitalisten, die im Fördern von Kunst und Wissenschaft, im Steigern und Verseinern geistiger Genüsse Künstler in ihrer Art sind. Es gibt auch andere. Aber kein Ding ist vollkommen. Auch Proletarier entsprechen nicht immer dem Ideal, dem Herr Alois Kayser nachstrebt.

Ich meine, es ist gut, daß sich die Welt den Luxus solcher reichen Leute leistet, die eine gesellschaftliche und kulturhistorische Mission erfüllen. Sie können, wenn sie wellen - und viele wollen - die Hefepilze sein, die in leiser und stetiger Umgärung die Menschheit veredeln.

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    Katalognummer BW-AK-009-1869