Von Zeit zu Zeit fällt in die Nüchternheit unserer Tage ein Erlebnis, das von Geheimnis und Abenteuerlichkeit bebt, aus dem sich ein zweibändiger Detektivroman machen ließe. Wer sich heute in seine Zeit fügt, spinnt sein Leben glatt und ohne Aufregung ab und greift auch nicht dramatisch in das Leben andrer ein. Wir sind auf Geleise gestellt, die Weichen werden sorgfältig bedient, das Signalwesen funktioniert tadellos, alles ist vorgesehen von der Wiege bis zum Grabe.
Aber von Zeit zu Zeit bricht einer aus, die Fäden laufen durcheinander, das uhrwerkmäßige Erleben wird zum Geheimnis und zum Abenteuer und die Phantasie, die längst eingeschlafen war, erwacht jählings und macht sich fieberhaft ans Schaffen.
Seit drei, vier Tagen hatten wir den Fall. Ein junger Mann in der Kutte irgend eines Klosterbruders erscheint in einer Familie, überbringt Grüße von den Söhnen, die in Belgien „bei den Brüdern“ erzogen werden, und entführt schließlich einen Knaben von zehn Jahren. Man verfolgt die Spur bis Nancy und stellt sest, daß der Bruder unterwegs Zivilkleider angelegt hat. Seit Samstag ist der Knabe verschollen. Schreckliche Vermutungen werden aufgestellt. Man sieht den Knaben tief im Wald oder irgendwo im Hinterzimmer einer Spelunke in seinem Blut schwimmen, sieht seine zerschnittenen Glieder in einen Reisekosser gepackt, oder aber man denkt sich aus, wie er in einem Zirkus als Schlangenmensch ausgebildet wird, wie sie ihm langsam die Knochen zurechtbiegen. Oder ein reicher Amerikaner entführt ihn über See und adoptiert ihn, und nach zwanzig, dreißig Jahren, wenn seine greisen Eltern ihn längst als tot betrauert haben, kommt er mit einem Neger, mit drei Affen und sieben Papageien und ungezählten Fünfzigdollarnoten herüber und kauft den Seinigen eine Villa und ein Automobil.
Aber der Roman nimmt ein ebenso flaches, wie unästhetisches Ende. Nach ein paar Tagen bringt der falsche Bruder den Knaben von Nancy nach Soustgen zurück, der Kleine fährt weiter bis nachhaus und erzählt dort, er habe mit dem fremden Mann in Nancy eine Anzahl Briefe bestellt.
Das ist in Nancy bekanntlich die praktischste Art, Briefe zu bestellen. Man fährt nach einer ausländischen Stadt, die zirka 120 Kilometer entlegen ist, entführt einen Knaben, bringt ihn nach Nancy und bestellt mit seiner Hilse die Briefe.
Was ich sagen wollte, ist dies: Jener falsche Ordensbruder ist entweder verrückt, oder ein Schurke. Am wahrscheinlichsten das Letztere. Sowie er mit dem Knaben verschwunden war, hätte die Polizei alles aufbieten müssen, seiner habhaft zu werden. Sie wird sagen, das habe sie getan. Ich erlaube mir, andrer Ansicht zu sein. Es ist vielleicht gekränkter Ehrgeiz, aber ich finde, daß unsere Polizei in solchen Fällen die Presse nicht ausgiebig genug in Anspruch nimmt. Ein Kerl, wie dieser Abenteurer im Ordensklrid, ist in der Gegend, wo er zu operieren pflegt, bekannt, wie ein bunter Hund. Sowie in der Zeitung ein Fall erzählt wird, der seine Fabrikmarke trägt, wird die ganze Gegend aufmerksam, und hat der Mann Dreck am Stecken, wird er sofort gefaßt. Hier dauert es drei, vier Tage, bis die Geschichte in die Presse kommt. Wenn ein Unglück geschehen sollte, wäre es längst geschehen. Und der Schweinhund wäre durch die Lappen.
Wann sieht unsere Polizei ein, daß sie sich und der Justiz des Landes, nicht der Presse, den größten Dienst erweist, wenn sie an die Blätter tagtäglich einen Polizeibericht liefert, wie er sonstwo überall in den Zeitungen erscheint?