Es ist kein Zweifel daran, daß die Ausgrabungen, die in jüngster Zeit im Tal der Könige bei Luxor durch Lord Carnarvon und den Ägyptologen Carter bewerkstelligt wurden, die wertvollsten altgeschichtlichen Funde zutage gefördert haben und noch fördern werden, die die Geschichtsforschung kennt. Malen Sie sich bitte einmal aus, was es bedeuten würde, wenn die Grabkammer wirklich, wie Weigall annimmt, die Bestätigung enthielte, daß Tut-ankh-Amen jener Pharao war, unter dem die Kinder Israels nach Ägypten auszogen! Wenn die Ausgrabungen Lord Carnarvons Licht verbreiteten über das Buch Mose, über den Zivilstand dessen, den die Tochter des Pharao in einem Binsenkörbchen am Strand des Nils gefunden hatte; über das Verhältnis des auserwählten Volkes zu den Ägyptern, über die Weigerung des Pharao, die Israeliten ziehen zu lassen, über die Plagen, mit denen darauf der Herr durch die Hand Moses und Aarons die Ägypter mürbe machte, die Frösche und den Staub und die Mücken und den Hagel und die Finsternis usw., über die Tötung der Erstgeburt am ersten Passah, wo das Blut des Osterlamms an Überschwelle und Türpfosten dem Würgengel zeigte, „wo gute Leute wohnten“. Wäre es nicht ein Ereignis von überragender, überwältigender Bedeutung, wenn jetzt, nach über dreitausend Jahren, aus der Erde Ägyptens ein Zeugnis wüchse für geschichtliche Angaben des Alten Testaments, wenn jetzt die Zeitgenossen jener Menschen, die für unsere Vorstellung jenseits der Zeiten gelebt haben, unmittelbar mit ihrer Hände Werk zu uns zu reden anhüben! Mit Leidenschaft wendet sich das Interesse jenem Traumland zu, in dem die Geschichte der Menschheit aus der Geschichte fast nur eines Mannes, eines Stammes, eines Königs bestand, das zu bespülen ein einziger, heiliger Strom genügte, das ganz im Morgendämmer der Menschheit liegt, wo noch alles Religion war, was später Wissenschaft und Kunst und Politik geworden ist!
Aber war es richtig, diese heiligen, in mancher Beziehung heiligen Schätze der Hut der Mutter Erde zu entführen? Freilich, nur so konnten sie der Menschheit von heute und der zukünftigen Menschheit nutzbar gemacht werden. Nur so konnten sie den Durst nach Wissen und Gewißheit stillen, der mit gleicher Stärke und Beständigkeit in der Menschheit lebt, wie die Gier nach körperlichem Aufbau der Kräfte und Verewigung der Gattung. Aber ist für die Welt wirklich die Zeit gekommen, alle seltenen und kostbaren Früchte dieser Art zu ernten? Man könnte es bezweifeln. Ein Geschlecht, wie das unsrige, das mit seinen eigenen Kulturgütern so - man kann wirklich sagen: so bestialisch umspringt, mit geistigen und materiellen, das mit seinen Gelehrten, Künstlern, seinen geistigen Führern gelegentlich nichts Besseres anzufangen weiß, als sie zusammen mit den Rohesten des Volks als Kanonenfutter zu verwenden, das eine Kathedrale von Reims und eine Halle von Ypern als Wunderwerk preist und sie dann über den Haufen schießt, dies Geschlecht wird unter Umständen auch die Museen in die Luft sprengen, in denen die Mumien der Pharaonen und die kostbarsten Geschichtsdokumente der Welt aufbewahrt werden.
Hätte man mit der Bergung dieser Schätze und ihrer Nutzbarmachung für die Forschung nicht warten sollen. bis jene bessere Welt zustande gekommen wäre, von der hier gestern morgen E. R. Curtius nach dem Werk von Coudenhove-Kalergi als einer seligen Erfüllung der Zeiten gesprochen hat?
Vielleicht. Aber das wird noch eine Weile dauern. Wenn man sieht, wie weit die Ägypter schon vor vierthalb Jahrtausenden waren und wie weit wir heute sind, so wird man inne, daß für uns der Weg zum gelobten Land doch noch etwas länger dauern wird, als der Zug der Kinder Israels durch die Wüste. Und so nehmen wir halt, was wir kriegen können und suchen aus den Lehren der Vergangenheit Leuchten für den Weg in die Zukunft zu gewinnen.