Original

16. Februar 1923

Es war hier öfters von dem Brüsseler «Théâtre du Marais» die Rede. Die Luxemburger hatten schon zweimal Gelegenheit, seine Leistungen zu beurteilen, einmal in beschränktem Privatkreis, das andere Mal auf der Bühne des Stadttheaters. Sie hatten beide Male den Eindruck. daß es sich um eine Kunst handelt, die auf neuen Wegen und nach neuen Zielen sich auswirkt.

Es ist nicht jedermanns Sache, sich gutwillig auf solche Bestrebungen einzustellen, die die Bequemlichkeit ausgesahrener Geleise verschmähen. Kein Wunder, daß die neue Erscheinung von der Brüsseler Presse zum Teil mit sauersüßer Miene verzeichnet wurde. Eine Stadt mag so groß sein, wie sie will, im Theaterwesen bildet sich immer zwischen Bühne, Presse und dramatischer Produktion das Verhältnis heraus, bei dem eine Hand die andere wäscht. Der Direktor, der seine Stücke aus andern Kreisen wählt, als denen, die über die Tribüne der Kritik verfügen, hat immer einen schweren Stand. Er zertritt rechts und links Hoffnungsbeete, deren Besitzer ihm Rache schwören und finden, daß sein Theater eine ganz gewöhnliche Schmiere ist, oder daß er auf den Snobismus seiner Zeitgenossen spekuliert, oder daß er vom Wesen des Theaters keine Ahnung hat, usw.

In solchen Fällen, wo im engeren Umkreis der Blick durch Nebenrücksichten getrübt ist, besteht für ein solches Theater ein vorzügliches Mittel Berufung einzulegen: Es stellt sich einem Publikum und einer Kritik die als höhere Instanz zu werten sind.

Das «Théâtre du Marais» hatte von seiner Gründung an mit den Widerständen zu kämpfen, die ein eingefleischter Konservatismus allem Neuen entgegenzutürmen pflegt. Es hatte sich rasch ein Elitepublikum gesichert, das sich an seinen Darbietungen erfreute, zum Teil begeisterte. Die Masse fand den Weg seltener hin. Nur wenn zusällig unbefangene, aber empfangsfreudige Leute aus dem Volk ins «Marais» gerieten, war es ihnen wie eine Offenbarung.

Des Spruches vom daheim verkannten Propheten eingedenk ging Jules Delacre mit seiner Truppe kürzlich nach Paris. Und nun hat er, scheint’s, die Welt der Brüsseler Theaterinteressenten aus den Angeln gehoben, eben weil er den Hebel draußen angesetzt hatte. Wenn das «Théâtre du Marais» in Paris Triumphe gefeiert hat, so sind sich die Brüsseler es schuldig, diese Triumphe zu bestätigen. Und da wir infolge des Zollanschlusses an Belgien auch geistig in engere Beziehungen zu Brüssel getreten sind, ist das Brüsseler Theater ein wenig unser Theater geworden.

Interessant ist darum auch für uns, wie die „Nation Belge“ über jene Künstlerfahrt nach Paris berichtet:

„La Belgique vient de remporter à Paris un beau, un grand succès d’art. (Das Brüsseler Blatt macht also aus dem Erfolg Jules Delacre’s eine national-belgische Angelegenheit.)

Pour la première fois, un de nos théâtres de langue française y était invité à paraître devant un public d’élite, celui du Vieux Colombier. Le jeune Théâtre du Marais y a obtenu une manière de triomphe, jouant quatre fois, devant des salles combles et enthousiastes et salué par toute la presse, comme une des conceptions les plus sainement originales et une des réalisations les meilleures dans l’effort de rénovation théâtrale entrepris en ce moment.

Il ne s’agissait cependant point de cette curiosité que Paris accorde généralement à des manifestations d’art patoisant, exotique ou simplement pittoresque, mais d’un succès allant à des interprètes et à une discipline d’art français. La compagnie de Jules Delacre jouait à Paris le «Sganarelle», de Molière, avec les costumes du peintre Yves Alix, et la farce de Nicolas Gogol «Hyménée» avec les décors et les costumes du prince Schervaschidzé.

Il convient de noter, comme une belle victoire belge, l’accueil fait ainsi à une entreprise artistique que nous avions encouragée, dès ses débuts encore récents.“

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    Katalognummer BW-AK-011-2339