Seit sich unsere Kammer demokratisiert hat, kommen viele gewöhnliche Sterbliche die Freitreppe herauf durch das Tor des Hauses, in dem die Besten des Volks tagen, und fragen den Saaldiener, ob der Herr Steichen oder der Herr Erpelding schon da sind. Das Erdgeschoß der Kammer ist zum Empfangsraum für die Wähler und Wählerinnen geworden.
Aber die Räume im ersten Stock sind immer noch Allerheiligstes. Bis dahin wagt sich kein gewöhnlicher Steuerzahler vor. Darum wissen die wenigsten, wie es dort aussieht. Ich kann es verraten, aber auch nur bis zu einer gewissen Grenze.
Auf dem Treppenabsatz zu dem „Saal der verlorenen Schritte“, der vor dem Sitzungssaal liegt, stehen um einen kleinen Rauchtisch drei Klubsessel, die idealsten Klubsessel des Landes, wie es sich in Anbetracht ihrer Bestimmung geziemt. Dicht am Geländer, über das man in das Treppenhaus blickt, steht eine Büste des Prinzen Heinrich der Niederlande, der hier lange vor der Nassauer Zeit seinen königlichen Bruder Wilhelm als Statthalter vertrat. Die Büste ist aus Bronze, überlebensgroß, und stellt, soweit man bei einer Büste feststellen kann, den Prinzen in seiner Admiralsuniform dar. Ich schließe das aus den gekreuzten Ankern, die die Rockaufschläge, und aus den Epauletten, die die Schultern zieren.
Mit diesem Prinzen Heinrich hatte ich folgendes Zwiegespräch.
Ich: Wie geht es Ihnen, Königliche Hoheit?
Er: Hol dieser und jener die Königliche Hoheit! Ich möchte wieder einmal Mensch sein, nichts als Mensch.
Ich: Wie damals?
Er. Wie damals sehr richtig! Gottverdomme, war das manchmal lustig! Und wie stehe ich heute hier! Früher machte ich mich populär, ging mit Krethi und Plethi ins Kaffee, beschwipste mich patriotisch und hielt Reden, über die sie sich nachher in den Parteien die Mäuler zerrissen. Man ist nicht umsonst niederländischer Admiral und alter Seebär. Wir waren in unserer Familie übrigens alle keine Duckmäuser.
Und heute!
Hier stehe ich auf einem wackligen Postament aus Pappelholz, das mit bordeauxrotem Barchent billig umkleidet ist. Nicht einmal zu ein paar Meter Plüsch oder Damast hat es gelangt! Und ich muß unentwegt meinén Heldenblick durch ein Fenster mit weißen Tüllvorhängen ins Freie richten, wo ich grade auf ein paar Dachfirste und auf den Kirchturmgockel von Liebfrauen sehen kann. Der Gockel hat es besser, als ich, er sieht weit in die Runde über Stadt und Land. Aber was sehe ich? Von Zeit zu Zeit ziehen die Auserwählten des Volks an mir vorüber, scharenweise, dann höre ich von drinnen lautes Reden, manchmal Geschrei und Tumult, wobei ich mir nichts denken kann. Zuweilen kommen ein paar heraus, setzen sich in die drei Klubsessel um mich herum und rauchen eine Zigarette. Manche rauchen auch Pfeife. Das tut meinem alten Seemannsherzen wohl. Sie reden über allerlei. Einer redet besonders viel von Forstwirtschaft, ein anderer von dem aufgeklärten Despotismus, mit dem die Gemeinden verwaltet werden müssen, wieder einer von Forellenfischerei, ein anderer von dem schlechten Jagdgesetz, und auch von den Mädchen reden sie zuweilen, die Jungen laut, die Alten leise. Ich freue mich, daß die guten alten Witze aus meiner Zeit immer noch Kurs haben. Langweilig wird es, wenn sie von den Steuern und den Berufskammern zu reden anfangen. Dann stürzt nicht selten der wackere Schammel, den ich noch als ganz jungen Nekruten gekannt habe, durch die Türe heraus und keucht: „Se sin net me’ en nombre!“ Worauf die einen Hohn lachen, die andern aber ihre Zigarettenstummel in den Aschenbecher stauchen und schleunigst in den Sitzungssaal laufen.
Das habe ich nun mehrere Jahrzehnte mitgemacht. Ich sehne mich nach Abwechslung. In Amsterdam stehe ich mitten im Gewühl, am Prins Hendrik-Quai, vor dem Bahnhof und vor dem Hafen, wo Tausende an mir vorüberströmen und wo mich vom Y her Seeluft umwittert. Hier riecht es immer nach Stubenstaub und Tabakrauch. Meine erste Gemahlin Amalie hat längst ihr Denkmal. Unsere Staatsmänner waren damals um die Damen beflissener, als heute. Ich warte immer noch auf meine Verewigung in freier Luft. Warum nehmt Ihr diese meine Bronzebüste nicht und stellt sie an einem geeigneten Ort öffentlich auf? Dieser ewige Schokoladeton ist mir langweilig, ein wenig Patina stände mir vorteilhaft zu Gesicht. Können Sie nichts in diesem Sinne tun?“
Ich: Gerne, Königliche Hoheit!
Es ist also hiermit getan. Wir könnten für billiges Geld einer Stadtecke zu einem passenden Schmuck verhelfen. Im Stadthaus steht außerdem eine gute Marmorbüste, die P. Federspiel von dem alten Staatsminister und Bürgermeister Emmanuel Servais geschaffen hat. Ich weiß nicht, wie sich dieser alte Patriot bei einem Interview zu einer Statufizierung seiner Person stellen würde. Wahrscheinlich würde er sagen, sie könnten ihn gern haben. Darum wird es besser sein, ihn nicht vorher zu fragen und auch seiner Büste eine Stelle anzuweisen, wo sie zur Bereicherung des Stadtbildes beitragen könnte.