Drahtloser Wetterbericht vom Eiffelturm, sehr schön, unsere Väter hätten sich das nicht träumen lassen. Aber sie hatten andere Wetterpropheten: Ihre Hühneraugen, ihr Rheuma, eine Steinplatte im Küchenfußboden, eine Stelle der Wandtapete usw.
Wir haben unsere Schildkröte.
Vor vierzehn Jahren wurde sie unserm Jungen geschenkt, seither ist sie Hausgenossin.
Sie hat viele Namen. Nennen wir sie heute Susanna. Sie könnte ebensogut Eulalia oder Euphrosine heißen. Das hängt ganz vom Wetter ab.
Den Sommer über lebt sie im Garten. Sie hat dort ihr eigenes Häuschen, bewohnt es aber nur selten. Meist spaziert sie herum. Sie ist äußerst possierlich anzusehen. Ich bitte Sie, probieren Sie einmal, ob Sie mit einem solchen Panzer um den ganzen Leib den Schlangenmenschen spielen können!
Susanna hält es mehr mit der Würde. Sie setzt bedächtig ihre vier Beine, die die Last kaum tragen zu können scheinen, reihum in Bewegung. Wo sie über den Rasen trollt, ist nachher auf ihrer ganzen Spur das Gras platt gewalzt. Nimmt sie eine Steigung, so zieht sie schwerfällig die krummen Hinterbeine nach. Sie erinnert mich an eine alte steife Köchin mit kurzem, wattiertem Unterrock, die hinten über den Halbschuhen manchmal Löcher in den schwarzen Strümpfen hatte.
Zuweilen spielt Susanna mit uns Versteck. Dann könnte man den ganzen Garten mit einer Zwieselrute absuchen, es wäre keine Schildkröte zu finden. Sie steckt nicht im Rasen, nicht in den Schwertlilien, nicht im Erdbeerkraut, nicht im Gemüsegarten, nicht unter den Himbeeren, sie ist einfach nicht da. Erst glaubten wir dann immer, sie sei entflohen, und stopften, nachdem sie wieder aufgetaucht war, alle Löcher in der Mauer sorgfältig zu. Jetzt wissen wir, sie will uns nur necken, auf einmal sitzt sie harmlos an einer Stelle, die jemand fünf Minuten vorher aufs sorgfältigste abgesucht hatte, und tut, als habe sie schon immer da gesessen.
Im Anfang ihrer Zugehörigkeit zu unserm Familienkreis überraschte uns Susanna eines Tages damit, daß sie mitten in den Gartenpfad, in die strahlende Frühlingssonne, erst ein Ei, dann noch eins legte. Sie schien sich tagelang in bezug auf das, was nun kommen sollte, Hoffnungen zu machen, aber vergebens. Sie hat dann endgültig das Eierlegen aufgegeben.
Susanna ist eine gesellige Kreatur. Als ich einmal längere Zeit allein zuhaus war, hatte sie bald herausgefunden, auf welcher Bank ich meine Siesta zu halten pflegte, und jeden Nachmittag kam sie von ganz hinten aus dem Garten herbeigehumpelt, um eine Ansprache zu haben.
Es gibt keinen größeren Gegensatz, als die schwere Unbeholfenheit dieses panzerbewehrten Rumpfes und die graziöse Beweglichkeit des zierlichen Köpfchens mit den blanken Eidechsenaugen und dem Schleckermäulchen, das so herzhaft in die Erdbeeren, in die milchgetränkten Brotkrumen beißt, und in dem ein rotes Züngelchen spielt.
Susanna ist laut ihrem Zivilstand eine Landsmännin des seligen Herrn Tut-ankh-Amen. Ihre Wiege war ein Loch im Erdreich unweit des heiligen Nilstroms und sie kann sich bis heute der Instinkte nicht erwehren, die ihr von Geburt her anhaften. Sowie es im Herbst anfängt, kälter zu werden, trifft sie Anstalten, sich einzugraben. Sie hat natürlich von Geographie und Klimatologie keine Ahnung und weiß nicht, daß es unter unsern Breiten erheblich tiefer in den Boden hineinfriert, als in der Gegend von Memphis und Luxor. Sie wird darum, sowie sie die ersten Eingrabungs-Velleitäten verrät, ins Haus verpflanzt und später im Herbst, in wollene Decken gewickelt, in einer Dachkammer verstaut.
Alljährlich, wenn die ersten Veilchen blühen, weicht von Susannen langsam der Winterschlaf. Dann wird sie wieder herausgewickelt und heruntergetan, bekommt ein lauwarmes Bad und gewöhnt sich allmählich wieder an das Leben und an die Sonne.
Begint Susanna schon Mitte Februar sich zu regen, so sind wir sicher, daß der Frühling ohne Aufenthalt im Anzug ist. Heuer aber hat sie sich noch nicht geregt, und gestern hat sie verschlafen mit dem rechten Vorderfuß abgewinkt, als wir sie wieder in Verkehr setzen wollten.
Also lassen wir die Frühlingsgefühle noch ein paar Wochen im Mottenschrank.