Dieses ist die Geschichte von dem „Jut“ und dem neuen Weg.
„Jut“ ist das geräucherte Nackenstück des Schweins. Das Wort entstand, als einmal ein Berliner in Luxemburg das Gericht aß und sagte: „Kinder, det is jut!“ Oder wissen Sie es besser?
Zum „Jut“ gehören jene dicken Bohnen, die einmal im Zusammenhang mit dem Garten, ein andermal im Zusammenhang mit der Mutter des „Jut“ genannt werden.
Diese beiden im Verein sind eines der mit Recht beliebtesten luxemburger Nationalgerichte. Putty Stein hat es in den unsterblichen Versen besungen:
„Garde- Gardebo’ne mat Jut,He’reng mat Framboise, o Mamm we’ gut!Fletscht iech eng Citro’n op de Kapp,Da krit der nie de Schnapp!“Was ein guter Luxemburger ist, der schwärmt für Jut mit Gartenbohnen. Er käme, wie Papa Amberg zu sagen pflegte, aus dem Prisong, um davon mit zu essen.
Die zwei Helden dieser Geschichte waren gute Luxemburger. Sehr gute Luxemburger.
Der eine war sozusagen der Vater seines Kantons. Er vertrat ihn in der Kammer, er vertrat ihn in der Regierung, er vertrat ihn sicher später auch vor Gottes Thron, nachdem er das Zeitliche gesegnet hatte, und ich höre ihn ordentlich sagen: „Wenn hier etwas verteilt wird, melde ich den Kanton Diekirch als Nummer eins an.“
Der andere war Bautenminister.
Der Bautenminister steht am andern Ende der Reihe, an deren einem Ende der Straßenwärter steht. Sie dürfen daraus schließen, daß eine Haupttugend des Bautenministers die Gemütlichkeit sein muß. Seine Tugenden sollen nicht der Gegensatz, sondern die Steigerung der Tugenden des Straßenwärters sein. Ich wage aber zu behaupten, daß es keinen Straßenwärter im Land gibt, der nicht Jut mit Gartenbohnen zu seinen Lieblingsspeisen rechnet.
Jener Vater des Kantons hatte nun ein Anliegen an den Bautenminister. An einer der schönsten Stellen des Kantons lag eine der bedeutendsten Ortschaften, und dort wohnte einer der einflußreichsten Wähler. Der glühendste Wunsch der Ortschaft und dieses Wählers ging nach einem bestimmten Weg, der die Verbindung nach einem Nachbardorf herstellen sollte. Also ging der Abgeordnete in die Regierung und trug dem Minister sein Anliegen vor. Und um ihm recht anschaulich zu machen, wie notwendig der Weg sei, schlug er ihm Folgendes vor: „Wir fahren bis zur nächsten Bahnstation und gehen von da den Weg zum Dorf hinauf. Da können Sie sich am besten überzeugen, wie mühsam er ist und wie sehr notwendig es wäre, den andern zu bauen. Wir essen oben Mittag, ich stelle Ihnen den saftigsten Jut mit Gartenbohnen in Aussicht, den Sie je zwischen den Zähnen hatten.“
Gesagt, getan.
Vorher sprach der Abgeordnete bei dem einflußreichen Wähler vor, sagte ihm Bescheid und legte der Frau ans Herz, daß sie zu Ehren des Ministers ein deftiges Mittagmahl bereite.
„Laßt mich nur machen!“
„Und Jut mit Gartenbohnen muß dabei sein!“
„Laßt mich nur machen!“
Der Tag kam. Einer der heißesten im Jahr. Sie wissen ja, wie es brennen kann um die Zeit, wo die Gartenbohnen reifen.
Der Minister und sein Freund keuchten den Berg hinauf. Alle fünfzig Meter blieben sie stehen, wischten sich den Schweiß vom Gesicht und sagten, die Landschaft sei großartig.
„Trösten Sie sich, Herr Minister, denken Sie an den Jut!“
„Der Weg ist wirklich zu steil!“
Weiter ging der Aufstieg.
Endlich saßen sie mit dem einflußreichen Wähler beim Mittagessen.
Die Suppe schon war ein Gedicht.
„Ich glaube, die Sache mit dem Weg wird sich machen,“ sagte der Minister.
Dann gab es Fleischpastetchen mit Pilzen und Kalbsmilcher und Rahmsauce.
„So arg teuer wird der neue Weg ja nicht werden.“
Es kam ein Riesenkalbsbraten.
Der Minister nahm sich nur ein kleines Stück und begann in immer vageren Ausdrücken von dem neuen Weg zu reden.
Huhn mit Salat.
Der Minister sagte, es werde schließlich auf die Majorität ankommen, ob der Weg gebaut werde. Und auf Majoritäten sei nicht immer Verlaß.
Entsetzt stürzte der Abgeordnete in die Küche und fragte die Bäurin, wo denn der Jut bleibe.
„Ach was, Jut, das ist grobe Bauernkost. Ich weiß, was sich für einen Minister schickt!“
Der Vater des Kantons raufte sich die Haare.
Der Weg ist noch heute nicht gebaut.