Herr Redakteur!
Sie haben da diesen Grimberger, der Ihnen immer die Nörglerbriefe schreibt. Nichts ist ihm recht, wenn es regnet, findet er, daß die Sonne scheinen, und wenn die Sonne scheint, daß es regnen müßte. Sieht er eine Blonde, so preist er die Braunen, und begegnet ihm eine Braune, singt er das Lob der Blonden. Spielt die Musik laut, so schimpft er, sie zersprenge ihm das Trommelfell, spielt sie leise, so ärgert er sich, weil er nichts hört. Sind wir von den Preußen besetzt, so verflucht er die, wohnen die Amerikaner oder Franzosen in unsern Kasernen, so ballt er gegen die die Faust. Ist der Karneval zu kurz, so geht ihm Appetit zu Schanden. Ist er zu lang, so kommen ihm die Dominos zum Halse heraus.
Da wollte ich fragen: Können Sie nicht vielleicht auch mich als Korrespondenten gebrauchen? Gotthold Sonnemann ist mein Name. Ich bin im selben Maße mit Allem zufrieden, wie Herr Grimberger mit Jeglichem unzufrieden ist. Eben noch war meine Pfeife verstopft: Statt mich zu ärgern, legte ich sie zufrieden in ihr Etui und sagte: Auch gut, Gotthold, du hast sowieso heute zuviel geraucht.
Ich habe den glücklichsten Charakter von der Welt. Er erlaubt mir, jedem Ding die beste Seite abzugewinnen und dann nur diese hervorzukehren.
Herr Grimberger hat sich zum Beispiel kürzlich über den Dreck in den luxemburger Straßen alteriert. Ich weiß gar nicht, was er will. Ich gehe durch die Stadt und bin stolz darauf, wie blank und sauber überall das Pflaster blinkt. Wenn man den Dreck nicht gerne sieht, soll man einfach nicht in die Straßen gehen, die er berühmt gemacht hat.
Herr Grimberger gehört sicher auch zu denen, die es nicht angebracht finden, daß die „Gölle Fra“ auf dem Denkmal der Legionäre vergoldet ist. Warum sie es nicht angebracht finden, können sie so ganz deutlich und genau nicht ausdrücken. Es blinkt ihnen zuviel. Sie sind das viele Blinken nicht gewohnt. Ich muß sagen, mir gefällt die Frau grade, weil sie so blinkt. Es ist, als ob sie sagte: Mich kann hier jeder sehen, und es kann ein jeder wissen, daß und warum ich hier stehe!
Ich bin sicher, wenn einmal das ganze Denkmal fertig dasteht, und die helle Sonne schlägt ein flammendes Lichtgewand um die stolze Frau, die über die lebenden und toten Helden den Siegeskranz hält, dann wird sich Mancher zu der Güldenen Frau bekehren, der sie heute aufdringlich findet, vielleicht sogar Herr Grimberger. Sie ist nicht dazu da, daß man sich gaffend vor sie hinstellt, man muß sie von weitem auf sich wirken lassen, und da seht sie einmal zum Beispiel vom Profil, vom Park an der MariaTheresien-Avenue her an, ob sie da nicht in jeder Linie von klassischer Schönheit ist!
Ich bin überzeugt, Herr Redakteur, Sie haben sich in den letzten Tagen, wie jedermann, über das schlechte Wetter, wie sie sagten, über den Regen geärgert. Ich nicht. Ich ließ es ruhig an mir herunterregnen und dachte: Die sich heute über den Regen beklagen, sind dieselben, die im Sommer den Weltuntergang prophezeien, wenn ein paar Quellen versiegen.
Wenn wegen der Ruhrbesetzung die Wirtschaft aus den Angeln geht und der Weizen der Wucherer und Schieber wieder blüht, so ist das ja sehr bedauerlich, aber ich halte mir immer vor, daß dadurch ein größeres Übel vermieden wird. Hätte Frankreich nicht eingegriffen, so hätten seine Feinde das Geld, mit dem sie ihre Kriegsschulden hätten bezahlen sollen, angehäuft, um sich wirtschaftlich zu stärken und zu geeigneter Zeit loszuschlagen. Dann hätten wir einen 2. August 1914 in vermehrter und verbesserter Auflage erlebt. Nehmen wir es also nicht zu schwer, wenn wir jetzt eine Zeitlang Krieg im Frieden haben, und trösten wir uns bei dem Gedanken, daß dadurch die Gefahr eines wirklichen Kriegs um Jahrzehnte länger hinausgeschoben wird.
Grüßen Sie Herrn Grimberger von mir.
Ihr ergebenerGotthold Sonnemann.