„Guten Tag,“ sagte Herr Grimberger. „Schön, daß ich Sie treffe. Ich wollte Ihnen schon schreiben.“
„Also sparen Sie die fünf Sous und schütten mir mündlich Ihr Herz aus.“
Er brummte etwas vor sich hin, worin meine Großmutter, wie ich zu unterscheiden glaubte, vorkam.
„Was ist das nun wieder für ein Unfug mit diesem ollen Mumienonkel, diesem Tut-ankh-Amen! Was fällt denn dem spleenigen Carnarvon ein, Leute auszubuddeln, die vor vierthalb Jahrtausenden sich den Kopf darüber zerbrochen haben, wie sie es anstellen sollten, um in ihrer Grabesruhe nicht gestört zu werden! Überhaupt diese Engländer! Vor einigen Monaten erst hatten sie den Rummel Bacon-Shakespeare, und nun den neuesten Pharao. Und Sie finden nichts besseres, als mit auf die dicke Trommel zu schlagen!“
„Aber Herr Grimberger, ich bitte Sie, die Geschichte!“
„Ach was, Geschichte! Es ist ja doch immer dasselbe. Einer hat zu essen, der andere nicht. Der eine ißt sich satt, wird behäbig und unbeholfen, der andere schlägt ihn tot und setzt sich an seiner Stelle an den Tisch. Er ißt sich satt, wird behäbig und unbeholfen und wird seinerseits von einem Hungrigen totgeschlagen oder vom Tisch verjagt, bis er selbst wieder so hungrig geworden ist, daß er über einen Satten Herr wird. Was brauchen wir da lang alte Schmöker oder Pyramiden zu durchstöbern!“
„Aber die Menschheit interessiert sich doch für ihre Vergangenheit.“
„Die Menschheit hätte Besseres zu tun. Guckt doch vorwärts! Wenn es ersprießlich wäre, immer hinter sich zu schauen, so hätte uns die Natur Augen am Hinterkopf wachsen lassen.“
„Sagen Sie einmal, Herr Grimberger, wenn man Sie in einem Kahn mitten auf dem Atlantischen Ozean aussetzte, ohne Kompaß, ohne Orientierungsmöglichkeit, wüßten Sie da, ob Sie vorwärts oder rückwärts trieben?“
„Blödsinn! Das käme ganz darauf an. Wenn ich nach New York wollte und ich triebe auf Antwerpen zu, so triebe ich rückwärts, und umgekehrt.“
„Wenn es nun aber am Ziel der Fahrt weder ein New York noch ein Antwerpen gäbe, wenn die Fahrt überhaupt ohne Ziel und Ende wäre?“
„Dann wäre ich schön zuhaus geblieben. Auf solche Faxen laß ich mich nicht ein.“
„Sie werden gar nicht gefragt, Herr Grimberger.“
„Wieso! Das möchte ich doch sehen, Herr!“
„Sie sind in diesem Augenblick auf solcher Fahrt begriffen. Sie treiben, wie Sie da sind, auf dem Ozean der Ewigkeit, der keine Ufer hat, auf dem es gleichgültig ist, ob Sie in der Richtung Ihrer Nase oder in der andern Richtung treiben. Da gibt es weder vor- noch rückwärts. In der Ewigkeit ist keine Richtung, nur Beharren. Vergangenheit und Zukunft sind nur Worte, alles ist Gegenwart. Sein! Und da wir uns im Sein erfüllen und erschöpfen, ist alles, was ist, unsere Sache. Oder, wie man sagt, wir interessieren uns dafür. Für das Gewesene wie das sein Werdende.“
„Luft, Luft, Clavigo!“ höhnte Grimberger. Gestatten Sie, daß ich meine Finger zu Hilfe nehme Erstens die Zeit, zweitens die Ewigkeit, drittens die Gegenwart, viertens die Nase und ihr Gegenteil - Herr, suchen Sie sich einen andern aus, der sich von Ihnen auf Flaschen ziehen läßt!“
Ich entgegnete mild:
„Herr Grimberger, es tut mir leid, daß Sie ernst Gemeintes so wenig ernst aufnehmen. Meine Absicht war, Ihnen klar zu machen, daß unser Interesse für die Dinge der Vergangenheit schließlich nur unserer Ewigkeitsnatur entspringt, für die Vergangenheit und Zukunft ineinanderfließen.“
„Ich danke für Backobst.“ sagte er ingrimmig. „Ewig! Wo man schon nach zwei Drittel Menschenalter die Nase davon voll hat! Ich laß mich jedenfalls verbrennen und meine Asche in die Winde streuen, dann bin ich sicher, daß sie nach drei Jahrtausenden meine Mumie nicht in lauwarmem Wasser aufweichen, um zu sehen, ob ich nicht vielleicht eine Warze auf der Nase hatte. Adieu!“