Die zivilisierte Welt freut sich. Sie jubelt. Sie hat wieder einen, über den sie sich entrüsten kann. Darum jubelt sie. Ein jeder stellt sich hin, wirft die Arme hoch, wie der Mann in der Mitte des „Christus vor Pilatus“ von Munkacsy, und ruft: Dieser Schuft von Pfaffinger! Kniet sich hinein in seine Entrüstung, entdeckt immer neue Seiten an dem Verbrechen Pfaffingers. Und ein jeder hält sich für berechtigt zu sotaner Entrüstung. Jeder normale Europäer hat in Amerika wenigstens einen Verwandten, der ihm eventuell mit einem Dollarbrief eine Überraschung bereiten könnte. Und da die Überraschung bis jetzt ausgeblieben ist, so muß unterwegs irgendwo irgendein Pfaffinger sitzen. Das große, unheimliche Feindliche, das zwischen hüben und drüben weht und alle Glücksbächlein auf seine Wiesen kehrt, das hat jetzt einen Namen, es heißt Pfaffinger. Kreuzigt den Pfaffinger! Teert und federt ihn! Schlagt ihn tot!
Der Herr Oberpostinspektor Pfaffinger! Wie schade, daß Ludwig Thoma tot ist, er allein hätte ihn adäquaterweise glossieren können.
Ist er denn gar so schuldig? Er weint doch so herzbrechend, es tut ihm so innig ganz von Grund seiner Seele leid. Er bereut so inbrünstig, er kann im Grunde gar kein schlechter Mensch sein, der Herr Pfaffinger.
Ich kenne ihn nicht von Angesicht, stelle ihn mir indes lebhaft vor. Er hat ein treues Münchener Bierherz, feiste Hofbräuhausbacken, einen breiten Oberförsterbart mit ein wenig Schmalzerl- oder Speisexesten darauf und eine klangvolle Baßstimme. Keiner kann, wie er „Im tiefen Keller sitz ich hier“ orgeln. Wenn er in Eichenau durch die Straßen geht. - durch die nach ihm getaufte Pfaffingerstraße - laufen die Kinder ihm zu, um ihm Patschhändchen zu geben, und ihm ist, als müßte er segnend seine Rechte erheben und über ihre blonden Köpfchen ein Zeichen des Kreuzes in die Luft zeichnen
Herr Pfaffinger ist Junggeselle. Ich weiß es nicht, aber so stelle ich ihn mir vor. Wie nahe lag es da, daß er sich einer entfernten „Richte“ annahm, für die außer ihm grade niemand sorgen wollte, daß er sie in köstliches Pelzwerk hüllte und ihr seine Tage und Nächte widmete. Späte Junggesellen sind solchen verwandtschaftlichen Gefühlen besonders zugänglich.
Herr Oberinspektor Pfaffinger ist ein Opfer seiner Pflichttreue, davon bin ich überzeugt.
Er hat ausschließlich nicht eingeschriebene Briefe mit Dollareinlagen aus Amerika beraubt.
Nun stellen Sie sich vor, Sie sind bayrischer Oberpostinspektor, und so ’n Yank mutet Ihnen zu, für fünf Cents einen Brief zu befördern, der, wenn er vorschriftsmäßig eingeschrieben wäre, das Dreisache kosten würde! Ich kann mir ja so lebhaft vorstellen, wie das treue bayrische Bier- und Oberpostinspektorsherz des Herrn Pfaffinger einen Satz tat und wie er sagte: „Nein, das soll nicht geschehen, daß ich solchen Betrug ungerochen durchlasse!“ Und er öffnete den Brief und legte den Inhalt in seinen Kassenschrank, in der Absicht, ihn dem Adressaten nach Abzug des entfallenden Strafportos zu behändigen. Er hatte es im Augenblick nicht klein und wollte warten, bis nächsten Tag. Am nächsten Tag war der Dollar wieder um so- und soviel gestiegen
Und grade, weil Pfaffinger eine so ehrliche, tugendhafte Natur war, setzte der Teufel seine Ehre darein, ihn zu verderben. Wenn es der Teufel speziell auf einen abgesehen hat, ist es kein Kunststück, daß der Mann vor die Hunde geht.
Und da sitzt nun der gute Herr Pfaffinger und weint bitterlich, weil er so viele brave Leute um ihr Eigenes gebracht hat und weil sie seiner geliebten Nichte jetzt die schönen Pelzmäntel ausziehen, wo es dort herum doch noch so kalt ist.
Ich wette, sie bringen ihn um seine Stelle und sperren ihn ins Gefängnis. Das wäre das Allerverkehrteste. Wenn Herr Pfaffinger seine Stelle behielte, würde er sicher nie wieder einen Dollarbrief ausrauben. Der andere arme Teufel aber, der nach ihm kommt, sitzt ewig in der Versuchung, sie auch einmal zu segnen, derweil er beim Weihwasser sitzt. Ja, so wird in der Gesellschaft von heute halt immer alles verkehrt gemacht.