Aus Frankfurt a. M., 12. März, wird dem „Luxemburger Wort“ gemeldet:
„In einem Wiesbadener Briefe der „Fft. Zig.“ heißt es u. a.: „Auch in die Jugend ist es gefahren. Eine ganze Klasse stellt sich zum Protest eine Minute lang mit der hintern Front gegen Westen auf.“
Unwillkürlich denkt man wieder an jene deutschen Studenten, die in Italien den Feinden, die ihnen Gastfreundschaft gaben, ihr Trutzlied sangen: Wir schießen bis das Auge bricht.
Vielleicht wäre der Herr Lehrer, der seiner Klasse jene Übung mit der hintern Front suggeriert und sie wahrscheinlich auch chronometriert hat, bei Dr. Magnus Hirschfeld unter Beobachtung zu stellen.
Die Verwüstung der deutschen Kinderpsyche durch Völkerhaß hatten wir schon 1914 erlebt, wenn drüben in den Moseldörfern beim Halten von Militärzügen die Schuljugend, Knaben und Mädchen, sich um die Wagen ergoß und über das Wasser herüber das schauerliche Lied klang, worin diese acht-, zehn-, zwölfjährigen Kinder jubelnd verkündeten, daß sie nach Franzosenblut dürsteten. Aber sie sangen es wenigstens nicht mit der Hinterfront nach dem Feind.
Immer, wenn sich die Kriegspsychose der Kinderwelt bemächtigte, war im Oberstübchen der Massen eine Schraube los.
„Im Juni des Jahres 1212 trat, wie B. Kugler in seiner Geschichte der Kreuzzüge erzählt, in einem Dorfe bei Vendôme ein Hirtenknabe namens Stephan auf der erklärte, er sei ein Gesandter Gottes und dazu berufen, als Führer voranzuschreiten und den Christen das gelobte Land zu erobern; das Meer würde vor dem Heere des geistigen Israels austrocknen. Er durchzog das ganze Land und erweckte überall stürmische Begeisterung durch seine Reden wie durch die Wunder, die er vor Tausenden von Augenzeugen vollzogen haben soll. Bald tauchten an vielen Orten Knaben als Kreuzprediger auf, sammelten ganze Scharen Gleichgesinnter um sich und führten dieselben, mit Fahnen und Kreuzen ausgerüstet, unter feierlichen Gesängen dem Wunderknaben Stephan zu. Wer die jungen Schwärmer fragte, wohin sie denn wollten, erhielt wohl die Antwort, daß sie „zu Gott“ übers Meer zögen. Ihre Eltern oder verständige Geistliche, welche die Knaben von ihrem Vorhaben zurückhalten wollten, vermochten umso weniger auszurichten, als die Menge des Volkes große Dinge von diesem Kreuzzug erwartete und die Andersdenkenden scharf tadelte, weil sie das Wesen des heiligen Geistes in den Kindern nicht verständen, die durch ihre Sündlosigkeit allein berufen schienen, das durch der Vorfahren Sündenschuld verlorene heilige Grab wieder zu gewinnen. Endlich versuchte der König von Frankreich, den Unfug einzudämmen, indem er den jungen Toren ernstlich befahl, nachhause zurückzukehren. Eine Anzahl derselben soll dieser Weisung Folge geleistet haben, aber die Meisten achteten nicht darauf und bald wurden auch Erwachsene in das phantastische Unternehmen mit hineingezogen. Priester, Handwerker und Bauern schlossen sich an, jedoch auch Tagediebe und Verbrecher, die gern die Heimat mieden, zuletzt sogar Frauen und Mädchen. Immer gewaltiger wuchs der Zug: an der Spitze sah man den Hirtenknaben Stephan auf einem mit Teppichen behangenen Wagen, von einer Leibwache umgeben, und hinter ihm an 30 000 Pilger und Pilgerinnen.
„In Marseille angekommen, wurde das Kinderheer auf sieben Schiffe verladen und ins weite Meer hinausgeführt. Das Schicksal derselben ist teilweise in Dunkel gehüllt; es scheint indes, daß die Schiffsherren, welche die Überführung der Kinder übernommen hatten, von vornherein die niederträchtige Absicht hatten, die armen, irregeleiteten Wesen auf den Sklavenmarkt zu bringen. Zwei Schiffe sollen gescheitert, die übrigen fünf aber nach Ägypten geführt und ihre Ladung dort an den Kalifen verkauft worden sein. Tausende von den unglücklichen Kindern sollen in Sklaverei gefallen sein, viele von ihnen durch ihre Standhaftigkeit im christlichen Glauben die Bewunderung der Moslemin erweckt haben. Die Schurken, welche ihnen dies traurige Los bereitet hatten, sollen später der Gerechtigkeit in die Hände gefallen und gehenkt, eine Anzahl der jugendlichen Sklaven auf Verwendung des Kaisers Friedrich II. wieder freigegeben worden sein.
„Auch aus Deutschland, vornehmlich den niederrheinischen Gegenden, wanderte, durch das Beispiel der französischen Jugend angesteckt, eine Schar von etwa 20 000 Kindern, gefolgt von viel liederlichem Gesindel, über die Alpen, um über Italien gelobten Lande zu gelangen. In Genua hart abgewiesen, fanden diese Unglücklichen, deren Zahl unterwegs rasch zusammenschmolz, den Weg bis Brindist, wo jedoch der Bischof ihre Einschiffung verhinderte. Auf dem Heimwege ging der größte Teil der jugendlichen Schwärmer elend zugrunde.“
Unserer Zeit blieb es vorbehalten, zur Weltgeschichte den deutschen Kinderhinterfront-Kreuzzug beizusteuern.