Original

17. März 1923

Es ist immer noch so, daß viele Menschen mit ihrem Los nicht zufrieden sind.

Als ich Kind war, war ich, wie alle Kinder, mit meinem Los unzufrieden und wäre gern Rollefax bei Funck-Erdmer gewesen. Denn von dieser Brauerei kam damals ein schmucker Bursch mit der Rolle ins Dorf. Ich beneidete ihn, weil er so unabhängig oben auf seinem Bock saß und weil er so stark war, daß er von niemand Haue anzunehmen brauchte, nicht einmal von seinem Vater.

Wer sein Leben normal lebt und, wie man sagt, der Katze sein Teil nicht schenkt, ist in der Regel zufriedener mit sich, als einer, der erst zu leben anfangen möchte, wenn es zu spät ist. Aus dem Bacchus auf dem Faß wird nicht selten ein Diogenes im Faß. Er braucht nicht grade Alexander, aber darum auch nicht ganz wunschlos sein zu wollen.

Sie beneiden heute wahrscheinlich keinen Rollefax. Ich bin sicher, Sie sind mit Ihrem Schicksal zufrieden. Aber passiert es Ihnen nicht zuweilen, daß Sie, wenn auch nur auf eine Zeitlang, mit einem anderen tauschen möchten?

Ich hätte beispielsweise dieser Tage an der Stelle eines jungen Mannes sein mögen, der meiner @ fassung nach momentweise ein reines Glück ge@ Er geigte einem Saal voll Gäste etwas vor. S@ Ihnen das nichts: den Leuten etwas vorgeig@ Ernst Koch sagt in einem Gedicht, es sei ihm @ lange nachgegangen, der Welt eins vorzusing@ Freilich, man muß geigen und singen können. Di@ junge Mann konnte geigen. Nicht nur, weil er @ schwarze Künstlermähne, Escarpins und grünsei@ Strümpfe trug, sondern weil er geigen gelernt@ und Talent und Temperament besitzt. Steht er @ dem Podium und setzt die Geige ans Kinn, @ weiß er: Jetzt spiele ich nicht nur auf diesem hoh@ Kasten aus Tannen- und Ahornholz, nicht nur @ diesen vier Schnüren aus Schafdärmen - ich s@ auf den Herzen all dieser Menschen, die mir zuh@ Ich spiele auf dem Herzen jener hübschen Brau@ dort in der Ecke, die die samtnen Augen un@ roten Lippen hat und deren rosige, polierte Fin@ nägel bis zu mir herüberblinken; ich spiele auf @ Herzen des Mannes an ihrer Seite, der in sie @ liebt ist und es ihr noch nicht zu sagen gewagt @ Ich weite, daß ich auf seinem Herzen so lange @ bis er den Mut findet, die Flamme herausschl@ zu lassen. Ich werfe die Silberserpentinen me@ Töne unter die Vielen, die mir drunten zuh@ meine Töne springen hinaus und schlagen @ meinem Herzen zu ihren Herzen schwanke R@ bogenbrücken, ich lasse mein Herz aus seiner gro@ wonnigen Wunde verbluten, strömend, kling@ jauchzend verbluten, ich schmelze mich in inn@ Glut und ergieße mich hingebend hinaus. Mein @ ist die Sonne und ich bin der Frühlingss@ Nehmt mich hin, gebt Euch her!

Der möchte ich fünf Minuten lang sein. @ einer, der ich nicht möchte sein, ist der Herr Fin@ minister. Auch er wirkt hinaus, sitzt an se@ grünen Tisch und streckt seine Sauger, die Pol@ rüssel seines Vacuum Cleaner Fiskus in alle Ta@ ist der große nationale Spielverderber. Wenn e@ denkt, er hat Geld genug zusammen für eine Fer@ reise, für ein Automobil, für ein Haus - @ kommt der Herr Finanz, nimmt sein Deputat @ Reise, Auto und Haus fallen wiede@ einmal @ Wasser.

Er nimmt, nimmt, nimmt!

Nie habe ich besser verstanden: Geben ist s@ als nehmen.

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