Die Presse in den Großstädten ist längst dazu übergegangen, von den Erzeugnissen der Filmindustrie unter der Rubrik „Kunst“ Notiz zu nehmen. Sie führt eine Rubrik fürs Kino genau wie fürs Theater. In der Provinz wird das Kino meist noch als sichtbar gemachte Schundliteratur perhorresziert, und die Aschenbrödelstellung, in der es solchermaßen von den als „intellektuell“ geltenden Schichten gehalten wird, trägt zu einem großen Teil die Schuld daran, daß wir heute, ein Menschenalter nach der Erfindung der lebenden Bilder, daraus noch nicht ein Tausendstel des Guten und Schönen zu gewinnen wußten, das dieser Fortschritt hätte bringen müssen und bringen können. Gewinnsucht und langweilige Lehrhaftigkeit sind die zwei entgegengesetzten Pole, in denen sich diese wunderbare Erfindung auszuwirken pflegt. Dazwischen kommt es selten genug zur Erzeugung eines wirklichen Kunstwerks, und wenn solche Glücksfälle mit der Zeit sich mehren, so trägt dazu zweifellos die zünftige Kunstkritik der Großstadtpresse bei.
Ein solcher Glücksfall ist z. B. die Verfilmung des Goethe'schen „Faust“, dessen Vorführung das Cinema Medinger unternommen hat. Die Première hatte am Freitag abend das Haus bis auf den letzten Platz gefüllt, und es machte einen seltsamen Eindruck, wie nach dem ersten Teil die Zuschauer in Beifall ausbrachen, Künstlern zu Ehren, die von dem Händeklatschen nichts hörten. Doch, einige hörten es und durften davon ein gut Teil auf ihre Rechnung buchen. Frl. Alice Unden, Herr Willy Hary und Herr Alex Schoentgen sangen zum Faustfilm aus Gounod und Berlioz die jeweilig entsprechenden Stellen, und es sei gleich festgestellt, daß diese musikalische ParallelLeistung die auf der Leinwand erscheinenden Bilder in glücklichster Weise, Stimmung schaffend, ergänzt. Nicht selten geht durch das Haus der Eindruck, als komme der Gesang von den im Film handelnden Personen. Frl. Unden bewältigte mit Brio und einem überraschend ausgiebigen Sopran die schwierigsten Stellen ihres Parts, Herrn Hary’s klangschöner und gut geführter, weicher Tenor, unterstützt durch geläuterte Aussprache, gewann von vornherein das Auditorium und Herr Schoentgen trat als Mephisto den beiden andern würdig an die Seite.
„Faust“ wird hier als Relief-Film nach einem neuen Verfahren angekündigt. Von einer wirklichen Plastizität der Bilder im Sinne der StereoskopAufnahmen ist natürlich nicht die Rede, der Eindruck des körperhaften Hervortretens der Personen wird dadurch erreicht, daß sie hell auf total verdunkeltem Hintergrund erscheinen. Einzelne Bilder sind nach dem gewöhnlichen Verfahren hergestellt, weil sie Landschaften vorführen, bei denen die Verdunkelung selbstverständlich nicht anging. Landschaften und Städtebilder sind aus den schönsten Gegenden des Elsaß und technische Meisterwerke.
Was aber bei diesem Film vielleicht am stärksten wirkt, ist der Umstand, daß er sich so eng wie möglich an den Goethe’schen „Faust“ anlehnt und daß jeweils die Goethe’schen Verse auf dem Schirm erscheinen.
Wir haben nun dies unsterbliche Werk im Theater, in der Oper und im Film erlebt - nachdem wir es wie oft in der Wirklichkeit sich wiederholen gesehen. Und es sei das Merkwürdige festgestellt, daß nun der Film es wieder von einer ganz neuen Seite wirksam zu machen weiß. Es wirkt wie ein gänzlich neues Erfühlen des Inhalts, wenn nun diese schicksalbeschwerten Menschen, die man bisher zwischen bemalten Kulissen sich bewegen sah, in einem Nahmen eindrucksvoller Wirklichkeit ihr tragisches Los erfüllen. Und es ist überraschend, wie im Bereich der Ausstrahlung dieses neuen Eindrucks das Stilschöpferische der Goethe’schen Verse mit so elementarer Leuchtkraft hervortritt.