Wir sind reich. Wir können es uns gestatten, Millionenwerte die Hälfte oder zwei Drittel des Jahres hindurch unproduktiv da liegen zu lassen.
Niemand leugnet, daß in Bad Mondorf Millionenwerte vorhanden sind. Sie sind nationales Eigentum. Eine Verwaltung, die den Glauben an Mondorf und die nötige Grütze und Initiative hätte, könnte daraus Geld heraus wirtschaften, sogar viel Geld, statt immer nur Geld hineinzustecken.
Am Sonntag hatte mich die Sonne hinausgelockt und nachmittags machte ich einen einsamen Spaziergang durch den Kurpark. Der alte Weidenbaum am Eingang droht seinen Eisengürtel zu sprengen, aber aus dem verfallenen Stamm treiben armdicke Äste fröhlich heraus und sind bereit, mit allen Knospen an die Sonne zu dringen. Die zwei Nachen, die sommers auf dem Aalbach schwimmen, liegen auf dem Trockendock vor der Hydrotherapie und sind neu geteert. Zwei Buben, die gerne eine Kahnfahrt machen möchten, streichen herum und suchen jemand, der ihnen sagt, wie sie es machen sollen. „Ist kein Meister da?“ fragt keck der Kleinste. Sie sind ganz enttäuscht, wie ich ihnen sage, daß hier nur im Sommer die Schiffahrt im Schwang ist.
Andere Weltfahrer, von zehn, zwölf Jahren, streben auf ihren Rädern heran und strampeln kühn durch die schmale Seitentür am Parkeingang. „Mir nach!“ ruft der vorderste blitzenden Auges.
Der Mondorfer Park mit seinen Kähnen und Schwänen und seinen heterogenen, abenteuerlichen Gebäulichkeiten scheint in der Phantasie der Jugend in der Umgegend eine Rolle zu spielen. Die Jungens erzählen sich davon in der Schule, und so machen sie sich denn wohl an einem klaren Winter- oder Vorfrühlingstag auf und schaffen sich hin, um mit eigenen Augen diese Stätten der Vornehmheit und des glanzvollen Müßiggangs zu sehen.
Lacht nicht, Bad Mondorf gilt dem biedern Landmann als Inbegriff aller Pracht und Herrlichkeit. Es ist das Paradies des sorgenlosen Nichtstuns und Wohllebens, die Menschen gehen dort alle im Sonntagsgewand herum, trinken zur Musik der Kurkapelle ihren Kaffee und ihr Bier oder gar Champagner und dazu scheint die Sonne auf die feuerroten Geranien und Granatblüten.
Von diesem Feenland mögen die kleinen Nachenund Radfahrer geträumt haben, die mir am Sonntag begegneten. Und sie können jetzt zuhaus ihren Kameraden erzählen, daß sie dort waren. Trotzdem weder Geranien noch Granaten blühten, trotzdem auf dem Wasser keine Gondeln schwammen und trotzdem die Pergola verwaist dalag, war der Park wunderschön. Und die ganze Schönheit war ein totes Kapital. Nur ein paar Kinder spielten herum, ein Ehepaar lustwandelte über die verlassenen Wege.
Ich wage es, das verwegene Wort „Wintersaison“ hier niederzuschreiben. Mit Schneeschuhen und Bobs wird in Mondorf freilich zur Winterzeit nicht viel anzufangen sein. Aber die Leibesgebresten, gegen die die Mondorfer Heilquelle im Sommer mit Erfolg angewandt wird, richten sich nicht nach dem Kalender. Zwischen dem 1. Oktober und dem 1. Mai gibt es auch Leute, die an Stuhlverstopfung, Dickleibigkeit und all den Übeln leiden, für deren Linderung unser Nationalbad empfohlen wird. Und zwischen dem 1. Oktober und dem 1. Mai wären die Mondorfer Hoteliers und Geschäftsleute sicher froh, aus ihrem Betriebskapital wenigstens einen kleinen Ertrag zu ziehen. Überall sieht man, wie sich die Bäder dieser Art auf Winterkuren einrichten. Viel wäre es nicht, aber das Rad bliebe in Schwung, und der Winter würde für den Sommer Reklame machen. Außerdem wäre bei einem solchen beschränkten winterlichen Badebetrieb damit zu rechnen, daß Mondorf aus Rentnerkreisen viel stärkeren Zuzug bekäme und die Ortschaft eine Erweiterung erlebte, die auf die Frequenz der Kurgäste einen günstigen Rückschlag ausüben müßte.
Es ist über Mondorf schon soviel in den Wind geredet worden - dachte ich - daß es auf ein bißchen mehr oder weniger nicht ankommt.
grand merci.