Original

22. März 1923

In der Kammer haben sie sich über den Abderitenstreich des Herrn Leidenbach juristisch und politisch ausgesprochen. Die Sache hat noch andere Seiten, zumal Herr Leidenbach nicht nur den „Keuschheitsgürtel“, sondern auch «Poule de Luxe» und «PhiPhi» für Luxemburg verboten hat. Man denke. «Phi-Phi», eine Operette, die in den Bouffes in Paris drei Jahre lang volle Häuser machte, die Hunderte unserer Landsleute dort gesehen haben, ohne an ihrer Tugend Schaden zu leiden, die soll dazu angetan sein, moralische Verheerungen anzurichten, wenn sie in Luxemburg aufgeführt wird!

Man braucht für die Sorte Literatur, die sich in den Textbüchern dieser Art auswirkt, nicht zu schwärmen, man kann sie sogar mit einer gewissen ästhetischen Mißachtung beiseite schieben, aber man hat kein Recht, andern seinen Geschmack aufzudrängen. Und da macht sich der Standpunkt des Publikums geltend. Das Publikum kann sagen: „Herr Leidenbach. wir sind mündig, wir bezahlen unsere Steuern, und nicht zu knapp, also seien Sie so gut und maßen Sie sich nicht an, uns unser Vergnügen nach Ihrem Gutdünken löffelweise zuzumessen. Sie lachen, worüber Sie wollen, wenn Sie überhaupt lachen gelernt haben, wir lachen über das, was uns amüsiert. Und wenn es gelegentlich nach Noten gepfeffert ist, wir vertragen schon einen tüchtigen Stiefel, wir sind keine Pensionsfräulein. Merken Sie sich, Herr Leidenbach, wenn man so zu Hunderten zusammensitzt und es steigt einmal ein Witz oder es entwickelt sich eine Situation, die man als leicht geschürzt bezeichnen darf, so ist das etwas ganz anderes, als wenn die Versuchung den Menschen in der Einsamkeit antritt, wie weiland den heiligen Antonius. Vom herzhaften Lachen, selbst über den gewagtesten Witz, ist noch nie einer ein schlechter Kerl geworden. Wir verarbeiten öffentlich und in schallender Heiterkeit Eindrücke, die nur dann giftig wirken, wenn einer sie verstohlen in einen heimlichen Winkel schleppt, wie die Katze den geraubten Bissen. Geilheit gedeiht nur in der Schwüle des Muckertums, nicht in Freiluft und gesundem Lachen. Hätte die keusche Susanna am Strand von Ostende gebadet, statt im Verborgenen, die zwei Sünder hätten sich nicht so heimtückisch an sie g Und wenn Sie vor physiologischen Wirkungen Angst haben, Herr Leidenbach, dann müssen Sie auch Selleriesalat, den Hummer à l’Américaine, den Burgunder und Oberemmeler verbieten!“

Dann wäre der Standpunkt des Herrn Ki Schumacher zu berücksichtigen. Er kann sagen: Er hörte immer klagen, es sei in Luxemburg nichts los. Da dachte ich, erstens ein Geschäft und zweitens meinen Mitbürgern Vergnügen zu machen, indem dafür sorgen half, daß etwas los wäre. Ich steckte einen Haufen Geldes in mein Lokal, richtete es innen und außen auf seine Bestimmung ein, zu einer Zeit, wo Bauen ein Luxus war. Meine Varieté Vorstellungen hatten Erfolg. Sie wurden durch Prohibitivtaxen des Vaters Staat totgeschlagen und mußte leben, verdienen. Ich habe auch ein Bü so gut wie der Staat. Ich stand vor dem Abgrund. Was ich in Jahren verdient hatte, konnte durch allmählichen Rückgang versickern. Der Staat klammert sich in solcher Not an die Steuerzahler ich mußte von dem Werkzeug leben, das ich mir schweres Geld geschaffen hatte, von meinem L Ich mußte das Publikum anziehen, oder ich ging zugrund. Ich verschrieb mir deshalb Stücke und Truppen, die auswärts ihre Zugkraft bewiesen hatten, mit „Joseph und seine Brüder“ hätte ich verhungern können. Wenn der Staat uns das Blut unter den Nägeln herauspressen will, soll er uns nicht in die Lage bringen, daß wir an Blutarmut eingehen.

Es gibt noch andere Standpunkte, von denen der den Fall betrachten kann. Der Nachbar zum Beispiel kann sagen:

„Dem geschieht recht, er hat mich lange genug in die Nacht hinein mit seinem Radau geärgert. soll ihm die Taubstummenanstalt in seine Bude setzen!“

Der „Gukuk“ aber wird sagen: „Herr, gib mir eine Woche solch ein gefunden Fressen, so bin, in Jahresfrist ein reicher Mann!“

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    Katalognummer BW-AK-011-2363