Original

25. Dezember 1924

Weihnachten ist das Fest des süßen Kitsches, der Öldruckpoesie, der rührseligen Feierlichkeit.

Im Aachener Wetterbericht stand gestern: „Insbesondere sind keine Aussichten für den Eintritt von Schnee über Weihnachten.“

Das heißt also: Ihr alle, die Ihr Euch Weihnachten denkt mit einer überschneiten Waldkapelle, aus deren Fenstern es rot und gelb glüht, während die Pfade herckn die Kirchganger stapsen, genz hinten ein attes Mütterlein, oder mit einer einsamen Försterswohnung, um die die Füchse und Hasen friedlich durcheinander hopsen, während der verlorene Sohn ausgerechnet am 24. Dezember abends aus Amerika heimkommt und der Vater ihm alles verziehen hat - Ihr alle, die Ihr vom Himmel die flockig weiße Ergänzung zu Eurer Weihnachtsdekoration erwartet habt, braucht diesmal nicht darauf zu rechnen. Aber es kann auch anders kommen.

Hauptbestandteil jeder Weihnachtsfreude ist doch immer die Erinnerung. Und die wurzelt in den Kinderjahren. Die Erinnerung muß den Erwachsenen am heiligen Abend oft viel Elend vergolden und übertönen. Nichts gewinnt durch das Altern so sehr an Zauber, wie die Weihnachtsfreude. Es ist möglich, daß sogar die Weihnachten der letzten zehn Jahre, die für viele nur der Anlaß zu gesteigertem Bewußtsein ihres Elends waren, viel später in der Erinnerung da stehen als Tage der Freude, überstrahlt von den Lichtern des Christdaums, durchläutet von den Weihnachtsglocken usw. usw.

Die Sitte des Weihnachtsbaumes ist hierzuland neu. Es ist noch kein Menschenalter her, daß sie sich einzubürgern begonnen hat. Noch vor 30-40 Jahren war selbst in der Hauptstadt der Christbaum eine Sehenswürdigkeit und namentlich für Vereine eine willkommene Attraktion. Mit dem eigentlichen Weihnachten hatte er da und hat er hier vielfach heute noch so gut wie gar nichts zu schaffen. Er ist ein Stück nebens Loch. Der Christbaum gehört zum Vorabend von Weihnachten; der Bescher-Abend ist das goldne Tor, durch das die Christenheit zur Weihnachtsglorie einzieht. In Luxemburg wird er in der Regel durch eine Eisenbahndebatte ersetzt.

Der Weihnachtsbaum ist allein zu uns gekommen ohne Gemüts-Zubehör. Er ist hier in den meisten Fällen dasselbe, wie ein Kirmesochse oder ein Schobermeßhammel, ein Anlaß zur Entfaltung von Flitter und Glanz. Den stärksten Vorschub leisteten ihm die Warenhäuser, die ihre Schaufenster um diese Zeit mit Christbaumschmuck auffüllen. Gleichen Schritt damit hielten die Verkäuser der Fichtenbäumchen, die von Jahr zu Jahr in immer höheren Haufen sich auf dem Wilhelmsplatz türmen und nicht immer einwandfreier Herkunft sind. Da widerstehe ein kindlich Gemüt!

Unsere nationalen Weihnachtsreminiszenzen sind bescheidenster Art. Sie knüpfen sich ausschließlich an das Gebäck, das man „Köndel“ nannte. Und dann erzählen sie sich in manchen Dörsern, wie es früher Sitte war, daß nach der Christmette in jedem Haus „die Treipen“ gebacken wurden. Und im Anschluß daran verbreiten sich die Sachkundigen über Schweinezucht, erinnern an die alte Landrasse mit den hohen Rücken und dem Borstenkamm darüber, an die schwarzen Brandstätten am Ausgang des Dorfes, wo die Opfer gesengt wurden, an die ersten englischen Zucht-Exemplare, die herüber kamen. Und im weiten Bogen kommen sie wieder zur Kirche und erinnern sich der kalten Füße an Weihnachten und des alten lieben Gloria in excelsis Deo.

Ach ja: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind.

Herr ist Herr und Max ist Max. Der Herr nimmt sich seine Ehre vorneweg und ohne weiteres, aber der Max muß, um des Friedens teilhaftig zu werden obendrein guten Willens sein. Wenn nun aber der Max will und der Moritz will nicht? Dann geht eben, wie es heute in der Welt geht, wie es immer ging und wie es wohl immer gehen wird, solang Menschen leben und Weihnachten feiern, das Friedensfest!

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