Original

20. Juni 1925

Manche Dinge entwickeln oft ein Beharrungsvermögen, über das man staunen muß.

Am Montag früh war am Rand des Stadtparks, anderthalb Schritt vom Bürgersteig, auf dem ein ziemlich reger Verkehr herrscht, folgendes Bild zu erblicken:

Am Boden lag ein Paket vom Umfang etwa eines Männerrumpfes. Es war ziemlich ungeschickt aus blauem, weißem und Zeitungspapier zusammengeschnürt. Blutspuren waren daran nicht zu bemerken. Daneben lag ein Paar gut erhaltener Pantoffeln aus geflochtenem Wollenband, sogenannte Bändelschuhe, wie sie früher im Gefängnis hergestellt wurden und wie sie noch heute in den Holzpantinen getragen werden.

Das war Montag Morgen.

Montag Nachmittag lagen Paket und Pantoffeln noch am selben Platz.

Desgleichen am Dienstag Morgen, am Dienstag Nachmittag, am Mittwoch Morgen und am Mittwoch Nachmittag.

Am Donnerstag Morgen kam ich nochmals vorbei. Immer aufdringlicher meldete sich bei mir der Verdacht, mit dem Paket sei irgend etwas nicht geheuer. Es wuchs sich allmählich zur Unterlage eines aufregenden Filmromans aus. Ich nahm mir vor: Wenn heute mittag Schmeißfliegen um die Stelle summen, gehst du zur Polizei. Dann enthält das Paket sicher einen abgehackten Kopf oder sonstige Leichenteile. Ich wunderte mich, daß die Bändelschuhe noch keinen Liebhaber gefunden hatten, und schloß daraus, daß auch andern die Sache unheimlich vorkommen mußte und sie also die Finger lieber davon ließen.

Am Donnerstag Nachmittag summten zwar keine Aasfliegen um das Paket, aber am Freitag Morgen um vier Uhr fuhr ich aus tiefem Schlummer jach empor, weil draußen Herr Emil Pauls mit seinem Automobil vorbeifuhr und dabei einen Versager nach dem andern knallen ließ. In dem Bruchteil von Sekunde, den ich gebraucht hatte, um wach zu werden, hatte ich den ganzen Roman vom Paket und den Bändelschuhen geträumt, mit Mord und Totschlag, Flucht und Verfolgung im Auto, Flugzeug und Torpedoboot, Absturz, Katastrophe, was weiß ich!

In aller Frühe machte ich mich auf die Beine, um endlich, hoffentlich nicht zu spät, meine Bürgerpflicht zu erfüllen und die Polizei auf den grausigen Fund aufmerksam zu machen. Wenn es sich wirklich um ein Verbrechen, um eine Vergewaltigung, einen Mord unter geheimnisvollen Umständen handelte, war ich da nicht mitschuldig daran, daß sich der Mörder in der Zeit seit Montag früh der verdienten Strafe hatte entziehen können? War es nicht beschämend, daß sich mein Bürgergewissen nicht früher geregt hatte?

Ich war bestürzt, als ich an die ominöse Stelle kam und von Paket und Pantoffeln keine Spur mehr erblickte.

Was ist daraus geworden? Hat sich ihrer endlich die Polizei automatisch angenommen, oder hat der Verbrecher selbst die allgemeine Interesselosigkeit benützt, um die Spuren seiner Missetat zu verwischen? Das wird nun wohl ewig ein Rätsel bleiben. Aber als Niederschlag des Erlebnisses ist die Tatsache festzuhalten, daß nahezu fünf Tage lang eine so ungewohnte Erscheinung ohne privaten oder behördlichen Eingriff sich durchfristen konnte.

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    Katalognummer BW-AK-013-2944