Die Weihnachtsnummer der Pariser „Illustration“ gehört seit Jahren zum luxemburger Weihnachten, wie das Christind. Wenn wir uns hier auf eine Pariser Spezialität festlegen, so wird sie uns bald zu Fleisch und Blut. Eine Familie, die sich daran gewöhnt hat, daß um Mitte Dezember das schwere, bunte Heft mit den köstlichen Bildern ihre trauten Abende mit reinem Genuß füllt, würde sich für verbannt und verarmt halten, wenn sie Weihnachten ohne die „Illustration“ feiern müßte. Und jedes Jahr kommen Neue hinzu. Bei Kraus im Schaufenster sehen sie, hübsch und geschmackvoll gerahmt, die Farbendrucke aus dem Weihnachtsheft und es liegt für sie ein ganz besonderer Reiz darin, dieselben Bilder in dem köstlichen Schrein zu besitzen, in dem sie von Paris aus in die Welt gehen; fast ist es, als hätten jene, die diese Bilder an die Wände ihrer guten Stuben hängen, einen heimlichen Garten geplündert und die Sträuße in Vasen aufgestellt, während für die andern, die die Weihnachtsnummer unversehrt auf dem Tisch liegen haben, sie jener heimliche Blumengarten geblieben ist, in dem sie jederzeit sich an der Pracht und dem Duft der Blumen freuen können.
Und doch! Für wieviele ist die „Illustration“, und besonders deren Weihnachtsnummer, die Bezugsquelle für die schönsten Schmuckstücke ihres Heims! In wieviel Häusern sieht man diese Drucke an den Wänden prangen, wo sie die Illusion teurer Meisterwerke geben! Und kein Kunstgewissen braucht sich darob beunruhigt zu fühlen, denn auch hier sind Kunstwerke, die in ihrer Art ein Höchstes darstellen und dazu bestimmt sind, geschmackreinigend weit ins Volk hinein zu wirken. Es kommt bei einer Copie darauf an, daß sie Charakter und Farbwerte des Originals trifft. Wie weit es in dieser Richtung die „Illustration“ gebracht hat, beweisen in der vorliegenden Weihnachtsnummer wieder einmal auffallend Bilder wie zum Beispiel der Herbst von Watteau aus dem Louvre-Museum, Lady P. von Rubens, Lady Diana Beauclerck von Romney, Marquis Frederic Stewart von Londonderry, von Thomas Lawrence, Cavalcade, von Paolo Ucello, um nur die älteren Gemälde zu nennen. Wie bei diesen die nachgedunkelten Töne in ihrer unsäglich zarten Wirkung zur Geltung kommen, so treffen die Farbendrucke nach den Aquarellen A. Calberts die ganze Frische und Unmittelbarkeit der Originale. Bei näherem Hinsehen kommt einem vor der Fülle des Gebotenen erst allmählich zum Bewußtsein, welche Schätze an Wort und Bild die Nummer enthält. Ich nenne aufs Geratewohl an erster Stelle „La Nuit d’Emeraude“, weil der Bilderschmuck dazu, von Pierre Nilouß, an die köstlichen Schöpfungen von Devambez in der vorjährigen Weihnachtsnummer erinnert und weil Alberic Cahuet darin eine wahre Geschichte erzählt, in der ein wirklicher Dichter sich auch in der Liebe und im Leben als solcher bewährt hat, was nach zahlreichen Zeugnissen aus Dichterkreisen nicht immer der Fall sein soll. Tristan Bernard erzählt in „Décadence et Grandeur“ einen köstlichen Lustspielstoff, den er hoffentlich auch einmal für die Bühne ausgestalten wird. Und A. Marty erzählt in Farben und Strichen, ganz in der Art des fein stilisierten Humors Tristan Bernard’s, dies Abenteuer eines originell gekuppelten Liebespärchens nach. La maison d’un amateur, Eve et les Fleurs, Images du vieux Paris, Le Puits d’amour, Sous la tonnelle, l’Etrangère à Paris, Fayenees vertes usw. usw. - ebensoviele Vorwände, damit ein trefflicher Maler einen geistvollen Schriftsteller ergänze. Und dann dieser wehmütige Nachklang zum Epos Napoleon Le Roi de Rome, mit dem berühmten Bild des Thomas Lawrence und einer Zeichnung von P. Prud’hon!
Vorkriegsidyllisch zieht es durch den Raum, wenn Du hörst, lieber Leser, daß dieser Schatz nur 16 Fr. kostet. Und dazu hast Du das Vergnügen, daß Dir die Herren von der „Illustration“ in einem Vorwort genau sagen und zeigen, wie es gemacht wird, derart, daß Du Dir schon einbildest, zur Familie zu gehören.