Original

12. Februar 1926

Hier war dieser Tage die Rede davon, daß das moderne Kunsthandwerk in der Hauptsache und zumal wo es sich um Wohnungsausstattung handelt, seinen Zweck verfehle, weil es nur auf Künstler und Millionäre eingestellt sei.

Wie als Antwort und als Protest steht heute in dem Februarheft der trefflichen Monatsschrift „Innendekoration“ von Dr. Alexander Koch in Darmstadt ein Aufruf zu einem Wettbewerb, mit der Überschrift: „Schlichte Wohnräume.“

Darin heißt es: „Verlangt werden ausschließlich ganz schlichte, aber reizvolle Entwürfe für neuzeitliche Wohnräume (für Wohnzimmer, Dielen, Eßzimmer, Empfangszimmer, Arbeitszimmer, Teezimmer, Schlafzimmer usw.), wie solche heute das Bedürfnis der großen Masse des gebildeten Mittelstandes sind. Die Entwürfe sind in schwarz-weiß Wiedergabe oder in leichten, hellen Aquarellfarben auszuführen, auf weißem Papier im Format 24:32 Zentimeter bis zu 48:64 Zentimeter flach verpackt einzusenden. Auf eine leichte, heitere Wirkung der Entwürfe wird besonders Wert gelegt.“

Es geht etwas Frohes, Befreiendes von diesem Aufruf aus. Es ist die Andeutung, daß der gebildete Mittelstand wieder in der Lage ist, sich anständige Lebensbedingungen zu leisten.

Lange war grade er, der gebildete Mittelstand, das hilfloseste Opfer des Kriegs und Nachkriegs. Lange stellte man sich ihn vor als einen Mann mit diskret geflickten Hosen, gewendeten Anzügen, einem Sommerpaletot um Weihnachten, schief getretenen Absätzen, abgegriffenem Hutrand, einem Lächeln, das sich über Gram breitete wie Allerseelenkränze über Gräber, - ihm hatte die Kriegstrombe alles weggeblasen und weggeschwemmt, er war zu honorig, zu untrainiert, sich nach seinem Abbau vom Schieberglück hochtragen zu lassen, suchte sein Elend mit Würde und seinen Hunger mit Humor zu tragen und ging spazieren, um auf Stunden wenigstens einem Heim zu entfliehen, in dem die leeren Schränke und Wände ihn an zwangsverkaufte Schätze erinnerten.

Darf man aus jenem Wettbewerb darauf schließen, daß der gebildete Mittelstand in Deutschland wieder die Stelle einzunehmen und auszufüllen beginnt, die ihm im Staat gebührt, damit im ganzen Aufbau alles in die Fugen gehe? Denn ein starker, lebensfähiger Mittelstand ist im Staat Akkumulator, Reservoir, Stauweiher, in ihm begegnen sich, schleifen sich ab, gleichen sich aus die Kräste, die von oben und unten gegeneinander streben, von ihm gehen nach oben und unten Befruchtungen aus, die auf Ordnung und Gleichgewicht gerichtet sind.

Jetzt, nachdem man in der „Innendekoration“ jenen Aufruf gelesen hat, sieht man den Mittelstand zum Glück in anderer Beleuchtung, als bisher. Der Mann in den fadenscheinigen Überresten früheren Wohlstandes hat wieder das Leben gemeistert, er wohnt in heiteren Räumen, die Künstler für ihn erdacht und geschmückt haben, er hat Wohn-, Schlaf-, Eß-, Empfangs-, Arbeits- und Teezimmer, die er als Bedürfnis empfinden darf, deren Ausstattung und Farbwirkung ihn hoffnungsvoll und zuversichtlich stimmt.

Auch friedlich. Zumal friedlich. Und sollten die Raufbolde im Staat wieder einmal mit dem Säbel rasseln, so wird grade der gebildete Mittelstand sich dazu seine Gedanken machen und über Variationen zu dem Thema „Gebranntes Kind scheut das Feuer!“ nachsinnen.

So kann, sehen Sie, wohlverstandene Wohnkunst im Apostolat des Friedens eine Rolle spielen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3105