Original

13. Februar 1926

„Als Frau Schaul an die Polizei um Hilfe telephonierte, sagte der Posten, er könne nicht kommen, er sei allein, sein Kamerad sei aus auf Patrouille.“

(Bericht Stadtratssitzung Samstag, 6. Febr. 1926.)

Feldmarschalleutnant Conradvon Hötzendorf: Wie führen Sie die Überwachung durch, Herr Oberst?

Oberst Umanitzky:

Ich habe zwei Geheimagenten der Polizei in einem Zimmer des Postamtes untergebracht und dieses Zimmer durch ein Läutewerk mit dem Postschalter verbinden lassen. Wenn jemand die Briefe mit der Chiffre „Opernball 13“ abholen kommt, so drückt der Postbeamte auf den Knopf, die Detektivs kommen herbei ....

Erzherzog Viktor Salvator, Generaltruppeninspektor:

... und verhaften ihn, nicht wahr?

Umanitzky:

Jawohl, kaiserliche Hoheit, verhaften ihn.

Salvator:

Sixt, ich hab’ mir das gleich gedacht. (Das Telephon läutet.)

Umanitzky:

(nimmt den Hörer.) Hier Oberst Umanitzky. Wer ist dort? Aha, Hauptpostamt, ja. So? Behoben?

Salvator:

Der Opernball? (Umanitzky nickt.) Gib mir das Telephon!

Umanitzky:

(stößt ihn leicht zurück.) Von einem eleganten starken Herrn, ja. Hat man ihn denn nicht sichergestellt? Was? Nein? Warum nicht? Was sagen Sie? Die beiden Detektivs haben gerade ihre Hosen gebügelt, weil Samstagabend ist?! Schweinerei!! Dazu haben sie ein halbes Jahr auf ihn gewartet?! Und konnten sie ihm nicht nachlaufen? Wie? Er ist gleich in ein Auto gesprungen, und sie hatten kein Auto? Warum hatten sie kein Auto?

Salvator:

Warum hatten sie kein Auto? Ein jeder Detektiv hat ein Auto zu haben - - oder noch besser, zwei Autos, auf jedem Trottoir eines.

Umanitzky:

Wo sind die Kerle? Sie versuchen das Auto auszuforschen? Was war’s denn für ein Wagen? Wie, ein Taxi?

Salvator;

Thurn-Taxis? Aha, Postamt Thurn-Taxis!

Umanitzky:

Ein Taxi, zum Teufel, da nützt es ja nichts, wenn man es ausforscht, der Gauner ist doch sicher nicht direkt nach Hause gefahren, der ist entwischt! Schrecklich! Ja, schicken Sie mir sofort den Schalterbeamten her, vielleicht erkennt er den Kerl nach meinen Spionenphotographien. (Er hängt das Hörrohr ab.)

..................

Strebinger, Detektiv der Wiener Stadtpolizei:

Bei dir hat’s niemals Eile! Genau so wie mit deinem Hosenbügeln, da hast du auch eine halbe Stunde herumgewurstelt!

Steidl, Detektiv der Wiener Stadtpolizei:

Die sehen aber auch aus, wie vom Schneider, was?

Strebinger:

Ich pfeif’ auf die Bügelfalte! Ein halbes Jahr hocken wir auf dem blöden Postamt und endlich läutet die Glocke, und da haben wir beide keine Hosen an.

Steidl:

Na, und was hat es uns geschadet?

Strebinger:

Ich bitte dich, mach’ mich nicht verrückt! Was redest du für Unsinn! Was es uns geschadet hat? Entwischt ist er uns!

Steidl:

Und wenn wir die Hosen angehabt hätten?

Strebinger:

Dann hätten wir ihn noch anhalten können, bevor er ins Auto gestiegen ist.

Steidl:

No ja, dann hätte er uns niedergeschossen.

Strebinger:

Wir hätten aber unsere Pflicht erfüllt.

Steidl:

Was ist das für eine Pflicht, sich erschießen zu lassen? Das steht nicht im Dienstvertrag.

(Aus „Die Hetzjagd“ von Egon Erwin Kisch.)

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    Katalognummer BW-AK-014-3106