Original

14. Februar 1926

d’Fuesend aß eng löschteg ZeitVu Be’ge bis no Schengen,Ettelbreck aß net ‘so’ weit,We’ der muencher mengen.(Aus den Sprüchen Salomonis).

Leise, zart, spinnwebdünn heben im Orchester die Geigen an. Die ganz hinten im Konzertsaal sitzen, hören es kaum, sie sehen nur, daß der Kapellmeister den Takt schlägt und wissen, jetzt hat die Musik begonnen.

So beginnt der Frühling.

Das Pianissimo der Violinen, das ist das erste Grün im Park. Hartriegel und Haselstaude hauchen ein Solo, aber alle andern haben schon den Bogen angesetzt und schielen nach dem Taktstock.

Meint Ihr, die Menschheit spürt weniger, als Hartriegel und Haselstaude, daß der Weg wieder der Sonne entgegen geht?

Und soll sie sich nicht freuen und Knospen treiben?

Si on ne riait pas quelquefois, on ne riraitjamais!

Wenn es keine sozusagen offiziellen, allgemein anerkannten Anlässe zum Frohsinn gäbe, so käme sicher ein großer Teil der Menschheit um ihr Recht auf Freude. Denn die, denen die Macht gegeben ist, schenken zuweilen Geld, aber selten Freude, und bilden sich ein, für Geld könnten sich die andern dann jederzeit Freude kaufen. Das ist nicht wahr. Freude ist Gärung, die nur entsteht, wenn die gehörige Masse in Wechselwirkung gebracht wird.

Solcher Art ist die Fastnachtslust. Einer allein, auch zweie allein, sogar dreie zusammen können nicht Fastnacht feiern, so wenig einer in einem ausgetrockneten Flußbett schwimmen kann.

Es war einmal ein junger Mann, den wandelte in der Woche vor dem Karneval die perverse Lust an, vernünftig zu bleiben. Sonst war er kerngesund. Aber es war ihm auf einmal eingefallen, wie verdienstvoll und wie brav es wäre, wenn er an den drei Fastnachtsabenden gar nicht ausginge, sein Geld sparte - er hatte ganze dreihundert Franken beisammen, die er ohne Gewissensbisse durfte springen lassen -, wenn er sich hinter den Ofen setzte, ein schönes Buch läse, seine Briefschulden abtrüge, Ordnung in seine Papiere und Bücher und seinen Kleider- und Wäscheschrank brächte und was dergleichen biedere Vorsätze mehr sind.

Gesagt getan.

Am Sonntag machte er einen weiten Spaziergang durch den Grünewald und ging um neun Uhr zu Bett, nachdem er bei Hippert eine Sole meunière gegessen und drei Humpen Salvator getrunken hatte.

Am Montag schlief er sich aus - the clock round - rundumherum das Zifferblatt, und hörte um Mitternacht draußen die Masken mit spitzen Kopsstimmchen allerhand verfängliche Dinge rusen.

Am Dienstag hielt er großen Kehraus in Schreibtisch und Bibliothek, las längst vergessene Briefe wieder, wurde weich dabei und fühlte sich von zarten Gefühlen bewegt. Es war auch ein Brief von einem alten Schatz darunter, den ihm ein Freund ausgespannt hatte und der ganz sicher heute abend im Kasino auf allerhand Männerknien sitzen und aus allerhand Sektgläsern trinken würde. „Pöh!“ tat verächtlich der junge Mann. Und er blieb stark, aß früh zu Nacht, noch ehe die ersten Nachtvögel strichen, schlief schlecht, ging am Aschermittwoch mit schwerem Kopf und unzufrieden mit sich selbst zur Arbeit, hörte von den andern, wie toll es gewesen war, beneidete sie um ihre süße Geschwächtheit, ging abends ins Wirtshaus, begegnete jenem Freund, der sein glücklicher Nebenbuhler geworden war, trank aus verhaltener Wut eine ganze Pulle Pommery aus Bierhumpen, ging, zu allem fähig, ins Madrid, verjubelte traurig seine dreihundert Franken und noch dreihundert dazu und hatte Donnerstags einen gefleckten Höllenkater so groß wie ein Haus.

Man soll nie gegen die Natur und gegen den Strom schwimmen.

Haut ble’t jider Geck sei Weeß,Duefir spillt de Paiaß,Kößt er Freiesch, well wie weeß,Ob s’ iech muer nach trei aß!(Aus den Sprüchen Salomonis.)
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    Katalognummer BW-AK-014-3107