Original

18. Februar 1926

Gesegnet seien Sie allezeit, Herr Wenzeslaus Coster, Schöffe von Vianden! Sie haben im Jahr 1820, ganz genau am 28. August 1820, das Viandener Schloß für 3200 holländische Gulden oder 6772.49 Fr. auf Abbruch angesteigert und zu Geld gemacht, was nicht angewachsen war. Und so haben wir statt eines nüchternen, schwerfälligen, rechteckigen Kastens eine malerische, elegante und imposante Ruine. Schön mag das Schloß gewesen sein, als es noch ganz war, aber nur inwendig. Nach außen war es ein reizloser, formloser Abschluß des Bergkegels, aus dem es emporwuchs. Sie, Herr Wenzeslaus Coster, haben das Verdienst, Ihrer Vaterstadt Vianden diese Ruine geschenkt zu haben, und außerdem haben Sie auf dem Handel ein schönes Stück Geld verdient.

Es war ein nebeliger Februarvormittag, als ich hinter der Wohnung des Verwalters Gofflot den schmalen, steilen Pfad zur Burgruine emporstieg. Es ist für den Eindruck von Macht und Wucht des alten Fürstensitzes nicht gleichgültig, ob man ihn von der Fuhrener Straße her liegen sieht, freundlich, entgegenkommend, harmlos, gutmütig sich zum Schmuck der Gegend hergebend, oder ob man ihn wie eine lastende Drohung, einen schweren, ins Kolossale gereckten Machtwillen über sich fühlt. Aber auch dieses Gefühl der Bedrückung fällt von Dir ab, wenn Du in die Nähe der ersten Burgmauer kommst, an der Reben sich emporranken und an den Viandener Grächen erinnern, der besser war, als sein Ruf, und ganz sicher kein größerer Kniebrecher, als dieser jähe Pfad den Schloßberg hinauf.

„Hen aß do uewen, e grieft.“ hatte Frau Gofflot mich beschieden. Er, der Mann, war oben am Umgraben seines Gartens, neben der alten Schloßbrauerei, in der er die prächtigen Großväter-Möbel stehen hat, aus allen Dörfern der Umgebung gesammelt. Dieser Philosoph leistet sich den Luxus, in einem der kostbaren eichenen Himmelbetten zu schlafen. Er war tatsächlich am Graben. Er ist nicht gut auf die Amerikaner zu sprechen, die ihm aus seiner Waffensammlung die schönsten Stücke als Souvenir entführten, ohne nach dem Preis zu fragen.

Ich muß sagen, es war ein eigenartiges Gefühl, nun so ganz mutterseelenallein in den weitläufigen Ruinen herumwandern zu dürfen. Die Übersicht ist gegen früher viel besser geworden, Fensterbogensteine, die seinerzeit im Schutt halb vergraben am Fuß der Mauern lagen, sind an ihrer Stelle wieder eingebaut, es ist leicht, sich von der Verteilung der Räume und ihrem ungefähren früheren Aussehen ein Bild zu machen. Sogar von dem byzantinischen Saal, der im Winter 1891 unter dem einstürzenden Mittelgiebel einbrach.

Dieser eingestürzte Mittelgiebel war zu seinen Lebzeiten durch eine Begebenheit berühmt geworden, die unbedingt in die Zeitung gehört. Herr Mathias Picar, dessen Hotel sich in Touristenkreisen des besten Rufes erfreut, war damals sechzehn Jahre alt und ein Künstler auf dem Piston. An einem Kirmesvormittag wurde von seinen Kameraden die Frage aufgeworfen, wie man auf die höchste Spitze der mittleren Treppengiebelmauer gelangen könnte, um dort die Jungen der Kolkraben auszuheben, die droben horsteten. Der junge Mathi schlug den kürzesten Weg ein. Über eine Leiter kam er bis zur ersten der brusthohen Stufen und kletterte von da bis ganz hinauf. Vorher hatte er aber sein Piston an seinem Taschentuch umgehängt. Und als er ganz oben stand, frei im Wind, ohne Halt, schmetterte er einen Walzer herunter ins Tal, daß die Felsen widerhallten. Und dann schickte er sich an, auf der Spitze der Giebelmauer Kopf zu stehen. „Mäuschenstill wurde es auf einmal unten,“ erzählte Pika’sch Mathi, „und dann fingen die Weiber an zu schreien, ich soll herunterkommen. Mit dem Kopfstehen wäre es sowieso nicht gegangen, ich hatte keinen Angriff. Aber ich kann Ihnen sagen, herunter ging’s unbequemer, als hinauf!“

Ich sagte: „Es ist gut, daß die Giebelmauer eingestürzt ist, Sie wären imstand und kletterten am Ende noch einmal hinauf.“

„Gleeft dir de’ net!“ sagte er lachend und zog ein paarmal tief an seiner irdenen Pfeife mit dem bärtigen Sapeurpompierskopf.

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    Katalognummer BW-AK-014-3108