Zwei Politiker stritten sich mit Worten. Einer warf dem andern vor, er habe sich unrechtmäßigerweise eine Einnahme von tausend Francs verschafft. Wie aber drückte er sich aus? Sagte er: „Sie haben tausend Francs in die Tasche gesteckt“? Mit nichten. Er sagte: „Der huet d’Souen agestach.“
Flöhe von hier ein Bankier mit mehreren Millionen über die Grenze, so hieße es im Volk: „En huet d’Soue matgeholl.“
Der Sous ist bei uns die Einheit, in die der Volksmund allen Reichtum zerlegt. Auf dem Sous baut sich jeglicher Wohlstand auf. Wo der Deutsche Taler, der Franzose Louis, der Engländer Guineas, der Amerikaner Dollars, der Russe Rubel sieht, sehen wir den Sous.
Denn wir sind von bescheidener Herkunft und gefallen uns in ihren Niederungen.
Wir haben einen natürlichen Hang zur Schlichtheit, man könnte auch sagen Grobheit, und einen ebenso natürlichen Widerwillen gegen die Form, die Aufdonnerung, das Zeremoniell. Wir wissen sehr wohl, daß 100 Sous 5 Francs und 400 Sous ein Louis find, wir könnten so gut, wie andere, von Francs und Kronen und Doppelkronen und Talern und Dollars reden, aber es ist uns wohl in der Atmosphäre, in der der gute alte Sous der Wertmesser ist.
Dieser Mangel an Auftrieb - wenn Sie es als Mangel ausfassen wollen - liegt in unserer Muttersprache begründet. Was wir sagen, ist gewissermaßen Rohmaterial, ohne Aufmachung, ohne Schliff. Ich saß kürzlich irgendwo unweit der deutschen Grenze in einer Gaststube. Nebenan taselte eine deutsche Gesellschaft, die aus einem. Dorfpfarrer, einem jungen Mädchen und drei Herren bestand. Sie bestellten Kaffee und packten mitgebrachte Butter- und Käsestullen aus. Ich kann versichern, daß sich ihre Unterhaltung auf keinem besonders transzendenten Niveau bewegte. Hätte man dasselbe auf luxemburgisch gesagt, so hätte es nach gar nichts geklungen. So aber, hei, das blinkte scharfgeschliffen, jeder Satz war druckfertig, aufgeputzt, lackiert, wie ins Schaufenster gestellt. Es hörte sich an, als hätte jeder der Sprechenden Schauspielerunterricht genossen. Jeder zog alle Register. Wenn einer nur sagte: „Aber natürlich!“, so hob er das ü so jubelnd empor, daß es war, wie ein Gipfel mit Flaggen und Feuerwerk. Ich hörte: „Es sind noch drei Stück da, brauchen wir doch nicht verkommen zu lassen,“ und es klang wie der Schlußsatz eines feierlichen Plädoyers. Der Herr Pfarrer erklärte: „Ja, Kinder, wenn Ihr nichts mehr wollt, so ist das für mich kein Grund, die Waffen zu strocken.“ Und er sagte es mit demselben Nachdruck, den er gebraucht hätte, wenn das Dasein Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen gewesen wäre.
Da ist’ nichts zu wollen. Die Schriftsprachen, die sie jenseits unserer Grenzen reden, haben Appretur. Die Gedanken gehen in ihnen einher im Festtagsgewand, gelten was, setzen sich durch. Wir aber hüllen unsere Gedanken in die Tagelöhnerkluft unseres guten alten Platt und kommen uns mehr oder weniger verkleidet, eingeschient vor, wenn wir deutsch oder französisch konversieren sollen.
Schmilzt man aber aus der Rede die Rüstung, das Metall der Worte weg - sei es Blech, Blei, Silber oder Gold - so bleiben die Gedanken, auf die es ankommt. Und da dächte ich, brauchen wir uns unserer Art nicht zu schämen.