Original

21. Februar 1926

Aus Kindertagen winkt ein Traumgesicht: Landstraße, Pappelreihen, weit durchs Land wandert einer, da blinken in der Ferne die Dächer der Stadt in der Abendsonne.

Denke ich seither an eine Stadt, sehe ich in der Ferne ihre Dächer in der Abendsonne blinken. Blinkende Dächer sind mir Sinnbild schweifender Wanderlust, winkender Erfüllung.

Wir sehen die Wohnstätten der Menschen selten von oben. Ihre Dächer sind uns, wenn wir zwischen ihnen einhergehen, unsichtbar, unwesentlich. Das Dach des eigenen Hauses ist uns fremd. Selten sehen wir es von innen, fast nie von außen. Nur den Kindern ist das Dach des Vaterhauses von innen vertraut, eine Welt der Wunder und Geheimnisse. Weißt Du noch, wie Du in der höchsten Kammer des Hauses Dein Knabenbett stehen hattest, wie Du die Falltür nach dem Speicher aufstelltest, um nachts den Regen auf das Dach rauschen und den Wind durch die Ziegel pfeifen zu hören? Und wie Du auf dem Boden, dem einzig weiten Raum im Haus, Deine schönsten Stunden erlebtest, denn er war ein Märchenreich über dem Leben des Alltags, hier fand sich zusammen, was das Leben an seltsamen, aber fortan unbrauchbaren Schätzen an den Strand gespült hatte, alte Zylinderhüte, alte Säbel, verstümmelte Puppen, kaputnes Spielzeug, merkwürdige Bücher, wie die Weissagungen des Schäfers Thomas, ausrangierte Jahrgänge illustrierter Zeitschriften, als da sind Hausschatz, Alte und Neue Welt, Illustrierte Welt, Magasin illustré, Gartenlaube usw.

Das sind die Dächer der Heimat.

Es gibt Dächer, die niemals die Vorstellung von Heimat wecken.

Der Maler Beckius von Mertert hat einmal in Paris von seinem Mansardenfenster aus, als er wohl nichts Besseres zu tun hatte, die Dächer der Nachbarschaft gemalt. Es ist ein gutes Bild, aber man kann es nicht ansehen, ohne unsäglich traurig zu werden.

Unter diesen Dächern sind keine Vaterhäuser, sondern Kasernen. Unter ihnen wohnen keine Menschen, sondern Nummern. Dies sogenannte Häusermeer wirft schmutzige, stillose Wellen. Wie stillos und wie schmutzig sie sind, merkt man am Gegensatz, den einzelne monumentale Dächer: Oper, Pantheon, Institut, Invalides usw. dazu bilden.

Diese unästhetische Tatsache unserer Dächer möchte uns als eine Auswirkung unserer westeuropäischen Verfahrenheit, Unruhe, Unausgeglichenheit und Kleinlichkeit erscheinen, wenn wir sie mit der einfachen Schönheit einer von oben gesehenen muselmanischen Stadt vergleichen. Nichts von der utilitaristischen Häßlichkeit unserer Stadtdächer, weiche, schlichte, harmonische Linien von Kuppeln, Terrassen, Minarets. Und darunter Leute, deren Lebensrhythmus fatalistisch weich, schlicht, harmonisch verläuft, ohne kleinliches Gekrintel und eckiges Aufbegehren.

Die schönsten Dächer der Welt aber sind die Dächer der Heimat. Du kennst sie, wenn Du vom Walde niedersteigst, die braunen Ziegeldächer, das Schloßdach mit der gelben uralten Mooshaut, die hoffärtigen Schieferdächer der besseren Bauern, die den Städtern gar die Mansarden nachgemacht haben, Du kennst sie alle, hast unter allen ein Kinderabenteuer erlebt, sie sind Deinem Auge so vertraut, daß jeder Quadratfuß Flickwerk darauf Dir sofort auffällt, Du brauchst keinen hinkenden Teufel, sie Dir aufzudecken und Dir zu verraten, was darunter vorgeht. Aber wenn aus ihren gedrungenen Schornsteinen die Abendfeuer rauchen, denkst Du befriedet an Wärme, an Gemütlichkeit, an zuhaus.

Du mußt die Kunst lernen, unter allen Dächern zuhause zu sein.

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    Katalognummer BW-AK-014-3111