Original

23. Februar 1926

Es ist ein besonderes Merkmal des Karnevals, daß die früheren immer schöner waren, als der letzte. Hätte der Reiz der Fastnachtsnächte wirklich in dem Verhältnis abgenommen, wie es seit Jahrhunderten die sich ablösenden - vielmehr die abgelösten Geschlechter versichern, so gliche ein Rosenmontagsball heute einem Totenamt.

Nichtsdestoweniger, es war auch dazumal schön, als im alten Cercle der Herr Ayschen und der Herr Henrion noch Tafel hielten, als man tags nachher sich rühmte, ihnen die Champagnergläser vor der Nase ausgetrunken zu haben, als Du. Gretchen, noch jung warst - schön bist Du, weiß Gott, noch heute! - und als das Wort Domino noch seine Bedeutung hatte, weil sozusagen alle weiblichen Masken sich in die schwarze Uniform aus mehr oder weniger - meist weniger kostbarem Stoff zu hüllen pflegten. Man erkannte die Seinige an der besondern Form der Haube, oder an dem Veilchenstrauß, den sie am Busen trug. Und über dem Ganzen lag der Zauber des Geheimnisses. Wenn etwas enthüllt wurde, war es das Gesicht. Heute ist es alles andre. Es wird keine Katze mehr im Sack gekauft. Und doch, freilich, leider, allerdings, nichtsdestoweniger, manche Katzen könnten beim Verweilen im Sack nur gewinnen. Die früheren Geschlechter, die sich in die fußlangen Dominos verliebten, hatten keine Ahnung, was sich darunter für originelle - sagen wir originelle Beinformen tummelten. Die Heutigen haben es besser. Die Frau hat wenigstens für die Zeit des Karnevals den Kampf für Beinfreiheit siegreich durchgekämpft. In den Tagen und Nächten, wo sie kein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht, braucht sie auch keinen Rock mehr vor ihre Beine zu nehmen.

Und seither erst hat die Männerwelt das Empfinden, daß sie die Frauen versteht. Vordem war für sie die Frau synthetisiert in dem geheimnisvollen Lächeln der Monna Lisa, das so geheimnisvoll ist, daß sich die Gelehrten noch darüber streiten, ob es wirklich ein Lächeln oder nur eine besondere Lippenform ist, hinter der nichts steckt, was mit Lächeln zu tun hat. Nun denkt Euch auf einmal, die Monna Lisa käme eine Gala-Treppe herunter am Arm eines Kavaliers und hätte fleischfarbene Tricots an und ein weißtüllnes Tütü und ihre Beine strahlten weithin in klassischer Schönheit ... das heißt, hier erhebt der Zweifel grinsend sein Haupt. Was wissen wir von den Beinen der Monna Lisa? Welche Bereicherung wäre es für die Kunstgeschichte, für die Kulturgeschichte, für die Familienchronik des Herrn Francesco del Giocondo von Florenz, des vielbeneideten Gatten der schönen Monna Lisa, wenn feststände, ob sie auf krummen oder graden, O- oder X-Beinen durchs Leben ging! Oder glauben Sie etwa, die Beinform habe auf den Charatter der Frau keinen Einfluß? Jemand hatte eine Geliebte mit einem wunderbaren Körper und einem dummen Gesicht. Er ließ sich von Peter Blanc den Kopf der Monna Lisa auf den Körper seiner Geliebten malen und hat nun zu dem Bild ein Verhältnis von unglaublich raffiniertem Reiz. Beide Frauen leben ihm in der Phantasie, die Monna Lisa mit dem herrlichen Körper der andern und die andre mit dem verdammten Lächeln der Monna Lisa.

Es bleibt zu sagen, daß viele von denen, die heutzutage im Karneval aus ihrer Combinaison keine Mördergrube mehr machen, als Ausgleich leider kein Monna Lisa-Antlitz in die Wagschale zu werfen haben, um die - Originalität ihrer Beine wett zu machen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3112