Einen wie wertvollen, für uns in unserer kulturellen Abgeschiedenheit unschätzbaren Orientierungsfaktor die hier öfters empfohlene Zeitschrift „Kunst und Dekration“ von Dr. Alexander Koch in Darmstadt darstellt, beweisen wieder einmal zwei Aufsätze, die zum Februarheft von Wilhelm Michel beigesteuert wurden und aus denen helle Schlaglichter auf die Umstellung fallen, die sich im Kunstwollen unserer Zeit vollzieht. Wir stehen vor Bildern und Plastiken meist ohne Überblick, können sie nicht im Zusammenhang mit irgendetwas wie konsequenter Entwicklung aus dem notwendig gegebenen Geist der Zeit begreifen und hängen mit Wohlgefallen und Abneigung in der Luft. Wir „verstehen“ die Künstler nicht mehr. Und manchmal verstehen die Künstler sich selbst nicht mehr. Die kurzen Ausführungen Wilhelm Michels wirken in diesem Betracht mit dem erlösenden Lichtstrahl einer Offenbarung.
In einem ersten Aufsatz „Über das Sinnliche in der Kunst“ schreibt er:
„.... ewig wird sich die Kunst, trotz aller geistigen Bedeutung, die ihr zukommt, an jenem einen Element orientieren müssen, das ihr allein zukommt: an der Sinnlichkeit. Kunst ist sinnliche Gestalt. Sie darf gewiß in Übergangszeiten das Auge für eine Weile auf schmale Kost setzen, um den Begriff, die geistige Bedeutung desto schärfer hervorzuheben. Aber sie darf, sie kann nicht dauernd der Askese verfallen. Sie wird immerwieder erwachen müssen zu dem Gefühl: Erde, du schöner reicher Garten! Ihr hellen, huschenden Lichter! Ihr samtigen, strahlenden sanftgeschwellten Flächen, ihr lieblichen, üppigen Linien! Ihr lebendigen, beseelten Wesen! Ihr atmenden Blumen und du ganze, innige, üppige Fülle der geschöpflichen Welt!
Nie wird die Kunst den Beruf, die Herrlichkeit der Kreaturen zu preisen und den Dank für Atmen, Empfinden, Fühlen auszusprechen, dauernd verabsäumen können. Das fühlt man gerade in einem so gefährdeten Kunstaugenblick, wie wir ihn gegenwärtig durchleiden. Wir haben freilich das Chaos der jüngsten Problematik hinter uns gebracht. Wir sehen, daß diejenigen, die es durchwandert haben, von neuem einen sesten Boden in der Welt der Dinge gewonnen haben. Aber wir sehen auch, daß die Tatsachenwelt, die sie gesunden haben, noch sehr karg und fast angstvoll aussieht. Wir sehen, daß der Mensch, nachdem er im Impressionismus allzu frei und willkürlich mit den objektiven Formen geschaltet hatte, sie nun mit einer fast pedantischen Ängstlichkeit vor sich aufstellt und sich vor ihnen der menschlichen Freiheit zu sehr begibt. Nach der expressionistischen Überfreiheit ist fast etwas wie Gefangenheit, wie allzuweit getriebene Demut und Askese über uns gekommen. Und das Auge, eben noch wohltuend berührt vom Anerkennen einer neuen Dringlichkeit, beginnt schon wieder einen neuen Hunger zu spüren: nach Saft und Freude, nach Blutwärme und Lebensanbetung. Wir halten jetzt noch vor den neu bemerkten „Dingen“ den Atem an. Sie stehen gleichsam in luftloser Umgebung.
„Wann wird endlich in diese neugefundene Dingwelt die atembare Luft einströmen? Wann wird in ihr der Schmelz der Farben, die Augenfreude, die sinnliche, lebendige Gegenwart erwachen?“
Noch deutlicher kommt das neue Kunstevangelium in einem zweiten Aufsatz zum Ausdruck: „Zur Begründung der neuen Sachlichkeit“, aus dem folgende Sätze angeführt seien:
„Die Lage ist nun heute so, daß unser Hauptinteresse den objektiven Bestandteilen unsres Weltbildes gilt. Wir empfinden eine instinktive Abwehr gegen die subjektiven Zutaten. Wir wünschen sie möglichst auszuschalten; ja wir sind nicht weit davon entfernt, sie als Störungen und Verfälschungen aufzufassen. Es steht gar nicht in Frage, ob uns diese extrem realistische Gesamtrichtung des Zeitgeistes paßt oder nicht; es gilt lediglich, sie als eine Tatsache ins Auge zu fassen und womöglich zu erklären. So weit die Kunst in Betracht kommt, läßt sich eine dem Anscheine nach sehr einfache Erklärung geben. Die letzte, die expressionistische Wendung der Kunst hat der Überbetonung des subjektiven Weltbestandteils eine solche Schärfe gegeben, daß sich schließlich die Weltwirklichkeit ins Gespenstische aufzulösen drohte. Jeder derartige Verstoß gegen die Wahrheit der Mitte rächt sich. Die Rache liegt in diesem Falle darin, daß uns das Subjektive überhaupt verdächtig geworden ist. Wir sind ihm gegenüber in der Lage des gebrannten Kindes, welches das Feuer scheut. Wir befinden uns dem Subjektiven gegenüber in einer heftigen Reaktion, die wohl einen heilenden Sinn hat, aber fürs erste uns ins gegenteilige Extrem gescheucht hat. Ausdruck dieser heilsamen Verscheuchung ist nicht nur die „Neue Sachlichkeit“, sondern auch die gegenwärtige Verliebtheit ins Technische. Sie tritt auf als eine bewundernde Neigung zum Maschinellen, ja sogar als der Traum von einer endgültigen Ersetzung des Kunstwerks durch das Maschinenwerk: Nach einer maßlosen Vereinseitigung im Sinne des subjektiven Weltbestandteils sind wir nun genötigt, das objektiv Wirkliche selbst in seiner härtesten, menschenfremdesten Gestalt, nämlich in der technisch-maschinellen Gestalt, zu lieben, nur um uns der Wirklichkeit überhaupt wieder zu versichern. Hestig wie die Aktion ist die Reaktion. Sie ist so heftig, daß ihr unmöglich eine lange Dauer beschieden sein kann. Es läßt sich jetzt schon sagen, daß das Pendel wieder zurückschwingen und vielleicht einmal in der ewig goldenen Mitte zur Ruhe kommen wird. Vorher aber müssen die Krisen durchlitten werden.
„Aber über dieser Erklärung darf nicht vergessen werden daß die in Rede stehende realistische Reaktion weit über die Grenzen der Kunst hinausreicht, daß sie eine allgemeine Erscheinung der Gegenwart ist. Der gesamte geistesgeschichtliche Augenblick gehört dem Realismus.“
Und um zu zeigen ‚wie es gemeint ist, enthält das Heft Abbildungen von Gemälden, an denen sich das Zutreffende der Wilhelm Michel’schen Auffassung mit überzeugender Deutlichkeit nachweisen läßt. Seine Gedanken erfahren in beiden Aufsätzen allerdings Einschränkungen sowohl wie Verallgemeinerungen, die ihnen eine Bedeutung über jene kurze Wegweisung hinaus verschaffen. Für die Kunsttendenz von heute aber sind sie ein Ausdruck, wie er so klar und eindeutig selten zu finden ist.