Original

25. Februar 1926

Der Bubikopf ist in so ungewöhnlichem Maße ein Kulturphänomen, daß immer darauf zurückgekommen werden muß.

Erst hatte es den Anschein, als handle es sich um eine der vielen Modeangelegenheiten, die wie Eintagssliegen Frauenliebe und -Leben durchschwirren.

Da aber der Bubikopf nun schon über ein Jahr dauert, fällt er nicht mehr unter den Begriff Mode, sondern wächst sich, wie gesagt, zum Kulturphänomen aus.

Das kommt daher, daß ihm etwas Unabänderliches, Definitives zu eigen ist. Kurze und lange Röcke können nach Laune der Damenschneider einander in beliebigen Zwischenräumen ablösen. Ein Bubikopf aber verbrennt die Schiffe hinter sich, er macht die Klappe zu, er stürzt sich bubitopfüber in ein Fatum, das nicht mit sich rechten läßt, er wirft die Würfel für die Dauer eines Geschlechts.

Ein Moderückschlag ist hier ausgeschlossen, weil das Element der Plötzlichkeit fehlt, das bei einem Rückschlag wesentlich ist. Man kann sich plötzlich die Haare schneiden lassen, aber man kann sie sich nicht plötzlich wieder wachsen lassen. Wäre dies möglich, der Bubi- topf hätte längst abgewirtschaftet, Aber wer wird den langen, unabsehbaren Leidenspfad des Wiederwachsenlassens beschreiten, wenn ja doch vielleicht in sechs, neun, zwölf Monaten die langen Haare neuerdings verpönt sein werden und das Haupt sich wiederum der Schere bequemen muß?

Ein Umschwung kann höchstens erwartet werden, wenn sich einmal bei den Friseuren ganze Heuwagenladungen von abgeschnittenen Haaren angesammelt haben und zu einem Bestandteil der Volkswirtschaft geworden sind. Dann werden die Friseure möglicherweise die Parole gegen den Bubikopf ausgeben, weil ein weiterer Zuwachs ihres Haarwarenstock nicht mehr denkbar ist. Dann werden sie der Damenwelt zeigen, wie es gemacht wird, damit ein Bubikopf von heute auf morgen wieder im üppigsten Thusneldastil prangt, und die Damenwelt wird die Haarfträhne, die sie vom lieben Herrgott seinerzeit gratis als Zugabe zu ihren andern Reizen bekommen hatte, mit Gold aufwiegen.

Damit hat es einstweilen seine guten Wege. Aber eine Gefahr scheint dem Bubikopf denn doch schon heute zu drohen. Sie liegt nicht in den Zöpfen, die hie und da eine Mutzi oder Butzi sich noch backsischig den Rücken herunter baumeln läßt, noch auch in dem offenen Haarwasserfall, mit dem eine andere zu verblüffen sucht - erst recht nicht, wenn dieser Wasserfall weiter nichts ist, als jenes dünne, schüttere Geriesel, das man zuweilen mit Entsetzen an der Hinterfront weiblicher Masken wahrnimmt. Die ernsten Rivalen des Bubikopf sind die Zwillingszöpfe, die sich ein Girl rechts und links über die Schulter legt und nach vorne herunterbaumeln läßt. Ob sie schwarz oder braun oder blond sind, sie geben der Figur eine so exotische, so skandinavische, so aparte Betonung! Sie legen jedem die Frage auf die Zunge: „Wer ist die?“ Es liegt etwas drin. Es liegt drin, daß diese da etwas so Kostbares, wie zwei echte Zöpfe, nicht hinter sich hängen will, wo jeder Kuote sie abschneiden oder daran wie an einem Zügel ziehen könnte. Wer diese Zöpse verliebt betrachten oder gar bestreicheln will, muß es von vorne tun, muß der Besitzerin in die Augen sehen und sich von. ihr in die Augen und unter die Nase sehen lassen. Kurzum, da sind Differenziertheiten, die sich beim Bubikopf nicht finden. Und wenn er einmal unterliegen sollte, so wird er wahrscheinlich dieser Zopftracht unterliegen, mit der, nach Larousse, schon unsere fränkischen Ur-ur-ur-urgroßmütter unsere fränkischen Urahnen betörten.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3114