Original

9. März 1926

Das merkwürdige Buch voll pathologischen Menschtums und voll Erdgeruch, das Joseph Delteil über Jeanne d’Arc geschrieben hat, enthält eine Hymne an den ersten Zahn der Retterin Frankreichs:

„Mit sieben Monaten erscheint der erste Zahn. Jeanne ist voll Fieber und die Würmer plagen sie. Sie hat eine leichte Darmentzündung. Sie „macht“ flüssig. Ihre Augenlider färben sich violett. Das Zahnfleisch platzt. Der erste Zahn!

„Die verblüffte Mutter betrachtet ernst diesen Zahn, der tatsächlich eine wunderbare Substanz aus Milch und Traum ist, strahlend und sanft, Kraft und Anmut, aus der Form eines Erzengels hervorgegangen. Der Vater, die Nachbarinnen, der Hund und die Tauben eilen herbei, diesem Zahn ihre Bewunderung zu zollen. Es scheint, als hätte sich die Macht der Menschheit verstärkt!

„Der erste Zahn! Ja, es ist eine feierliche Erscheinung, ein Datum in der Menschheitsgeschichte. Der Zahn prägt dem Leben seinen wahren Sinn auf. Bisher war das Wesen weltfremd und ideal, spekulativer Art, noch ein Engel. Der Zahn aber bedeutet: Kampf, denn er bedeutet: Essen. Die Grundlage des Lebens ist die Ernährung, und die Grundlage der Ernährung ist der Kampf. Um etwas unter die Zähne zu bekommen, tötet der Mann und die Frau besudelt. Der Zahn steht im Ausgangspunkt des Krieges und der Prostitution, des. Übels und des Todes. Erster Zahn, oh! wie klar sehe ich dich als etwas Ernstes, und wie recht hat jene Mutter, dich mit großer Rührung und ein wenig Entsetzen zu betrachten!“

Das könnte einen wahrhaftig zu einem PendantHymnus auf den letzten Zahn verführen. O letzter Zahn, wackliges Überbleibsel vergangener Wahrhaftigkeit, letzter Held unzähliger Schlachten, die in Sieg oder Niederlage endeten, wir sollten dich feiern wie den letzten Inhaber der St. Helena-Medaille, den letzten Invaliden aus den napoleonischen Kriegen!

Aber was heißt erster und letzter? Und sollen wir nicht vielmehr unsern Sinn darauf richten, daß jedes Erste immer auch ein Letztes, daß jedes Werden schon ein Vergehen ist? Der Säugling bekommt seinen ersten Zahn, jawohl, aber es ist zum letzten Mal, daß er seinen ersten Zahn bekommt.

Wir haben uns an die Vorstellung gewöhnt, daß bis zu des Lebens Höhepunkt immer alles als ein Erstes gefeiert oder betrauert wird, von da an von allem Letzten im Abstieg wehmütig Abschied genommen wird. Aufwärts ist es der erste Zahn, das erste Paar Hosen, später durch wirkliche Hosenträger vervollständigt, es ist die erste Kommunion, die erste Liebe, der erste Kuß, das erste Kind - der erste Tote unter den Allernächsten! Der ist der Grenzstein, das Kreuz auf dem Bergesgipfel, von da an geht es abwärts, von da wird alles Letzte gefeiert. Denn von da ab gewinnt es an Bedeutung, wenn irgend etwas zum letzten Mal ist. Einmal muß die letzte Flasche 21er Heiligenhäuschen dran, einmal feiert man daheim die letzte Kindtaufe, einmal tanzt man seinen letzten Walzer, einmal ist der letzte Umzug, wenn man ins eigene Haus zieht, einmal bezieht man sein letztes Gehalt, einmal löst man seinen letzten Jagderlaubnisschein, einmal fällt einem der letzte Zahn aus, einmal bestellt man sich beim Schneider den letzten Überzieher - den vorletzten, denn den letzten liefert einem Herr Kolbach. Und einmal tut das Herz den letzten Schlag.

Und da war es zum ersten Mal, daß es seinen letzten Schlag tat. Und das Sterben war kein Ende, sondern ein Anfang.

Denn es gibt weder Anfang noch Ende. Darum ist jedes Ende ein Anfang und jeder Anfang ein Ende.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3124