Original

10. März 1926

Früher war die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern eine. Zeit des Verzichts und der Ruhe, für viele sogar der Abtötung, Kasteiung und inneren Einkehr. Ein finstrer Tunnel, in dem es nach Häring, Kabeljau und Stockfisch, höchst selten nach Beefsteak und Schnepfendreck roch.

Heute ist der Tunnel elektrisch al giorno beleuchtet und es wird darin vom Eingang bis zum Ausgang getanzt.

Unsre Väter und Mütter fügten sich nicht ohne besseres Wissen dem Zwang der Fastenzeit, der nicht immer durch kirchliches Gebot verhängt zu sein brauchte. Er war, wie übrigens die meisten kirchlichen Gebate, aus hygsenischen Erwägungen geboren, die auf das Heil der Seele wie des Leibes gerichtet waren. Der Menschheit klügerer Teil wußte wohl, wenn er sich an Fastnacht von den ersten milderen Lüftchen hatte aus dem Winterschlaf wecken und in tollen Mummenschanz stürzen lassen, daß das im selben Tempo nicht weitergehen konnte. Sonst war die ganze Genußfähigkeit aufgebraucht, wenn der Frühling wirklich kam, und man stand seinen Lockungen gegenüber, wie der arme Narr, der seinen Löffel fortgeworfen hat, wenn es Brei zu regnen anfängt.

Darum unterwarf sich der Menschheit klügerer Teil freiwillig dem appetitschärfenden Zwang der Fastenzeit, bereitete sich damit auf die Hochzeit der Natur vor, wie der Schlemmer nach den ersten Schüsseln durch ein Sorbet sich auf das Kommende scharf macht. O ja, unsre Väter und Großväter wußten zu genießen, sie saßen nicht zu so vielen an der Tafel des Lebens und hatten viel mehr Zeit, sich ihre Genüsse ruhig auszudenken. Sie wußten auch, warum sie im Frühling ihre Sassaparilla-Kur machten, sie lebten, genossen und entbehrten in engem Zusammenhang mit der Natur, in deren Schoß sie noch tiefer drinsaßen, als wir, die Kinder und Sklaven der Technik. Wir sind weit, weit von der Natur abgetrieben, ihre Einteilungen bedeuten uns nichts mehr. Wir machen den Winter zum Sommer und den Sommer zum Winter, wenn wir wollen. „Ich kann doch unmöglich schon um drei Uhr vormittags schlafen gehen,“ sagt Fery baci in der „Czardasfürstin“. Mein Großvater hätte darüber die Achseln gezuckt und gesagt: Der Mann ist ein Lumpaci!

So machen wir heute auch die Fastenzeit zum Fasching, die Zeit der Enthaltsamkeit und der Vorbereitung zur Zeit des Genusses und der Erfüllung. Wir dürfen es, denken wir, denn die Technik macht uns alles möglich. Wo unsre Väter ein Orchester brauchten, drehen wir an einer Kurbel und in der kleinsten Hütte mustziert die größte Kapelle von London, Wien, Paris, Berlin usw. Ist es uns im Sommer hier zu heiß, fliegen wir zu den Schneefeldern von Labrador und jagen Eisbären. Die Technik macht uns unabhängig von der Natur. Wir haben ihr das Portemonnaie stibitzt und sind nicht mehr auf Taschengeld von ihr angewiesen.

Aber wer weiß, vielleicht kommt die Zeit, wo wir freiwillig wieder bei Muttern Einkehr halten. Vielleicht merken wir eines Tages, daß wir doch gewissermaßen in den alten Schöpfungsplan hineingehören, daß wir mit der Natur tiefer zusammenhängen, als wir zu glauben angefangen haben, daß wir keine Homunculi, Retortenmenschen sind, die sich ganz auf die Technik stellen können, und daß es für das Weltganze vielleicht von Vorteil wäre, wenn wir im Einklang mit der Natur von Zeit zu Zeit aus dem Taumel des Lebens in einen ruhigen Winkel flüchteten und uns auf uns selber besännen.

Im gestrigen Abreißkalender, 5. Absatz 3. Zeile von oben lies Wehrhaftigkeit statt Wahrhaftigkeit.

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    Katalognummer BW-AK-014-3125