Eine Tür schlägt in der Nacht.
Irgendwo im Haus.
Es ist morgens ein, zwei Uhr. Stockfinstre Nacht. Windstöße spielen Nachlaufen ums Haus und rütteln an den Läden.
Die Türe schlägt stumpfsinnig, hartnäckig, zwecklos. Du wirst davon wach. Ein Schlag zittert durchs Ohr ins Traummagazin und scheucht Schreckgesichte auf, die in einer Sekunde vor deinem Geist abrollen, aber die Sekunde löst sich in Stunden auf und was gleichzeitig war, wird dir zum Nacheinander, den Schlag, der am Anfang deiner Traumreihe stand, hörst du als Schluß.
Und nun liegst du, von der schlagenden Tür hinund hergestoßen, wie ein Boot vom Wellenschlag.
Es ist kalt und finster. Dich gruselt vor dem Aufstehen, vor dem Hineintauchen in die beißende Kälte. Und so liegst du und läßt dich von der schlagenden Türe hin- und herstoßen.
Du weißt nicht, welche Türe es ist, noch wie es kommt, daß sie offen steht. Du ärgerst dich ins Blaue hinein über die Schlumperei und warst vielleicht selber der Schuldige.
Da durchfährt dich ein Schreck. Sollten am Ende Einbrecher ....! Ach was, dann wäre es ja doch zu spät zum Aufstehen, dann wären die längst auf und davon.
Jetzt hat die Tür eine Zeitlang nicht geschlagen. Vielleicht ist sie von selbst wieder in die Klinke gefahren. Du zählst: eins, zwei, drei vier - wie wenn es nachts zu Großherzogin Geburistag schießt - fünf, sechs .... bums, da schlägt das Luder wieder.
Laß sie schlagen!
Du baust dir die Ohren mit Kissen und Decke zu und suchst weiter zu schlafen. Es geht nicht. Du hörst sie durch den Wall von Daunen und Watte nur noch schwach und dumpf schlagen, aber du hörst sie. Ihre Schläge sind wie Gewissensbisse. Sie sagen: Schämst du dich nicht! Sofort stehst du auf und drückst die Tür in die Klinke, damit der Lärm aufhört! - Aber du bekommst es mit dem Trotz und erwiderst: Fiele mir ein! Wegen so ’ner dummen Tür mir kalte Beine und einen Schnupfen holen! Meinetwegen mag sie schlagen bis zum jüngsten Tag, ich steh nicht auf!
Und am Ende stehst du doch auf. Denn während du liegst und dich über die schlagende Tür ärgerst, um- stellen dich deine Nachtgedanken mit drohenden, griesgrämigen, tragischen Gesichtern. Es ist nicht mehr die Türe, die schlägt, es ist das ganze Haus, die ganze Welt, dein ganzes Leben. Aus allen verborgenen Ecken und Winkeln kriecht es hervor, was dich ängstigt, bedrückt, kränkt, erzürnt, empört, was dich zum Verzagen und Verzweifeln bringt, zu Scham und Reue zwingt. Die Nacht wird zur Filmleinwand, auf der deine geschlossenen Augen alle Schrecknisse deiner Einbildung ins Riesige verzerrt sehen müssen, ob sie wollen oder nicht.
Und plötzlich explodiert mit einem Kernfluch deine gepreßte Seele, du fährst mit den Beinen wütend aus dem Bett und tastest nach Pantoffeln und Hosen und fünf Minuten später hast du die schlagende Tür geschlossen und liegst mit dem wohligen Gefühl der erfüllten Pflicht wieder im Bett und alles ist wieder von klarer, erfreulicher Nüchternheit und jedes Ding steht wieder vor dir in seiner natürlichen Größe. Und du begreifst nicht, wie du dich so lange hattest drücken können.
Wer hat in seinem Leben nicht eine Türe, die schlägt in der Nacht!