Der Titel ist das Gesicht des Werkes, ob es ein Buch, eine Zeitschrift, ein Drama, eine Operette ist. Die Suche nach einem guten Titel kostet den Autor soviel Gehirnschmalz wie ein Kapitel oder ein Akt. Abgesehen natürlich von den Eigennamen, die als Titel vorgeschickt werden. Das ist freilich bequem und bald geschehen. Maria Stuart, Wallenstein, Fiesco, Don Carlos, Wilhelm Tell, Faust, Götz von Berlichingen, Werther, Egmont - man sieht, die Klassiker mühten sich nicht groß um einen anziehenden Titel. Sie hatten’s nicht nötig, der Kampf ums Dasein und Dableiben war auf dem Büchermarkt noch nicht auf die Spitze getrieben.
Wenn heute einer ein Buch herausbringt, sieht er sich gleich in der Rolle eines Tänzers, der mit einem auffälligen Pas aus den Kulissen springen muß, um den Ersolg zu erhaschen, wie die Katze die Maus. Und da prangen denn auf den Plakaten und in den Schaufenstern allerhand pikante und vielversprechende Titel, die das Publikum und die Staatsanwaltschaft nicht selten irreführen. Bataille nannte eines seiner Stücke „La femme nue“ und es war das keuschste von allen. Aber die Leute horchen auf, wollen wissen, was dahinter steckt, und der Zweck ist erreicht.
Im Pole Nord steht für nächsten Samstag, Sonntag und Montag eine neue Operette bevor, deren Titel auch schon von sich reden macht. Es ist einer der Titel, hinter denen nie das steckt, was die öffentliche Meinung dahinter vermutet.
„Der heilige Ambrosius!“ - Nur eine befleckte Phantasie kann sich vorstellen, daß ein Heiliger des Christentums, der den Namen Ambrosius trägt, zum Helden einer Operette gemacht würde. Die diaphane Heiligkeit des christlichen Himmelreichs eignet sich zur Parodie und zum Jux nicht wie der griechische Olymp, an dessen Göttern und Göttinnen Menschliches, Allzumenschliches überbetont und übersteigert ist. Ein heiliger Ambrosius als Operettenheld wäre heute ebenso geschmacklos, wie die Gottheiten um die Schöne Helena herum amüsant sind.
Der heilige Ambrosius ist kein Mann, sondern nur ein Spitzname. Er bezeichnet einen sympathischen Gymnasialprofessor, an dem die Komik seines Berufs nur äußerlich ist. Innen ist der Herr Birnhuber ein lieber Kerl und eine ehrliche Kraftnatur, und er wird zum Schluß denn auch belohnt, indem er die Frau Gräfin heiratet, die für sich einen starken Mann und für ihren Tunichtgut von Sohn einen starken Vater braucht.
Wenn einer Ambrosius heißt, muß er schon ein guter Kerl sein. Wie kann man sich unter dem Masculinum von Ambrosia etwas anderes denken, als etwas Starkes, Bekömmliches, Süßes: Weizen und Honig mit ein wenig Duft von Mokka und Henry Klay? Und der nötige Nektar dazu versteht sich am Rand.
Und wo sollen sie den heiligen Ambrosius denn auch enders spielen, als „Am Brosius“?