Original

13. März 1926

Dort draußen, wo die Wasser des Landes in seinem Herzen von allen Seiten zusammenrinnen, also in Ettelbrück, tagt morgen, Sonntag, nachmittag 3 Uhr, im Festsaal des Stadthauses, der Landes-Obst- und Gartenbauverein in seiner 32. Jahres-Generalversammlung.

Ich las es, während draußen nasse Schneeflocken unordentlich und aufgeregt herumflogen, wie gejagte Flüchtlinge, denen keine Ruhe gegönnt wird. Es war ein ungemütliches Wetter, bei dem niemand gern im Garten spazieren geht, denn die Pfade sind aufgeweicht, aus der ertränkten Erde steigt es wie kalter Leichengeruch, Laub fault in den Ecken, wo es der Sturm zusammengejagt hat und die Tragknospen der Birnbäume, so gern sie in der Sonne leuchten möchten, sind wie ausgelöschte Kerzen.

Und doch, wenn dieser Name: „Landes-Obst- und Gartenbauverein“ ertönt, siehst Du mit einmal den Garten in all seiner Pracht und Herrlichkeit erblühen. Nicht den bescheidenen Vorfrühlingsgarten mit Schneeglöckchen, Veilchen, Krokus und Primeln, nein, den sonnebebrüteten, farberauschenden Sommergarten im Tutti und Fortissimo seines Hauptsatzes, mit Kaiserkronen und Flieder und den ersten Rosen, der Buchsbaum blinkt und duftet die hellbekiesten Wege entlang, noch summt die Bienenorgel als Nachhall der Baumblüte, die schwüle Trächtigkeit des Sommers, der Übermut vollblütigen Lebens sind in der Luft, Fruchtbarkeit ist Trumpf. Und ein nächstes Bild: Der Garten im Herbst, die vergängliche Süßigkeit der Kirschen, Veeren, Pfirsiche, Pflaumen zittert noch zwischen Zunge und Gaumen, da kommt der dauerhafte Segen der Äpfel und Birnen. Dankbar und gerührt, wie bei jeder schönen Ersüllung, steigst Du die Leiter hinauf, siehst handnah die glänzenden, schweren Tränen der Birnen, die mädchenwangenfrischen Kugeln der gelben und roten Äpfel hängen, fühlst, wie jedes sich kühl und hingegeben Dir in die hohle Hand schmiegt, als wollte es sagen: Gut, daß Du mich pflückst, daß ich unter Deinem Dach ein Heim finde, denn hier draußen wird es bald ungemütlich werden, besser in frischer Obstkammer betreut, als auf glitschigem Boden verfault oder von Mäusen angebissen.

Wir sind eine Rasse, die in früheren Geschlechtern den Kampf ums Leben in bösem Handgemenge mit allerhand harten Wirklichkeiten kämpfen mußte und froh war, wenn sie für des Leibes Notdurft gesorgt hatte, dachte nicht sonderlich an des Daseins Schmuck und Glanz, betrachtete es als Schlemmerei, wenn sie Butter auf dem Brot aß und wußte nichts von Kaviar. Obst galt lange als Luxus, höchstens daß man sich in den Acker einen Baum mit Viez-Äpfeln oder „Karesser“-Birnen pflanzte. Schon weil jeder Edelobstbaum auf dem Bann Gefahr lief, von der Jugend lang vor der Reife geplündert zu werden.

Heute hat man eingesehen, daß nicht nur Kartoffeln, Noggen und Runkelrüben der Stolz des Bauern sein können, sondern daß sich auch auf den edelsten Obstsorten Geld verdienen läßt. Wie es gemacht wird, das hat der Landes-Obst- und Gartenbauverein nun schon beinahe ein Menschenleben lang gezeigt und er wird es noch mehr als ein Menschenleben lang zeigen.

Er braucht dazu nur so gesund und gescheit und aufopferungsvoll zu bleiben, wie die beiden Überachtziger, die HH. J. Ph. Wagner und N. Nickels, die ihn als Präsident und Sekretär leiten.

Und wenn alle Luxemburger wüßten, daß man im Garten und bei den Obstbäumen bis in sein 84. Jahr so frisch und munter an Geist und Körper bleibt, wie diese zwei alten Jünglinge, so würde der LandesObst- und Gartenbauverein seine nächste Generalversammlung unter freiem Himmel halten müssen, weil er dann über 200 000 Mitglieder zählen würde.

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    Katalognummer BW-AK-014-3128