„Für den Fall, wo Sie einmal ein alter Mann sein werden ...“
„Sie schmeicheln mir, Herr Grimmberger!“
„.... will ich Ihnen einen guten Rat mit auf den Weg geben.“
„Und der wäre?“
„Tun Sie den Jungen gegenüber nie mit Ihrer Erfahrung dick.“
„Aber Herr Grimmberger, ohne mit seiner Erfahrung dick zu tun, kann man doch den Jüngeren die Wege durchs Leben leichter und ebener machen, indem man ihnen sagt, wo die Steine liegen, an die sich nicht alle immer wieder zu stoßen brauchen. Die Erfahrung ist doch schließlich ein Schatz ....“
„Ein Schatz, jawohl, auf den Ihnen die Jugend pfeift. Was glauben Sie wohl, daß der Jugend das Erleben und Erfahren der andern bedeutet, wo sie selbst erfahren und leben will. Experto crede Roberto ist ein alter, ich möchte lieber sagen altersschwacher Spruch, eine Wahrheit, die von der Jugend noch immer in den Wind geschlagen wurde. Ihr Erfahrungsschatz ist wie Millionen, die Sie Ihren jungen Freunden durch die Wände eines vergitterten Glasschrankes zeigen. Was kaufen sie sich dafür?“
„Ihr Vergleich hinkt, Herr Grimmberger.“
„Wer hinkt? Sie hinken! Die Jugend hat für Vergangenheit kein Organ, verstehen Sie mich! Der Jugend ist es völlig schnuppe, wie die Alten gelebt und geliebt haben und erst vollends, wie und was sie gelitten haben und wie sie gestorben sind. Grade wie es Ihnen, wenn Sie hungrig sind, schnuppe ist, was andre vor Ihnen gegessen haben. Sie wollen selbst essen. Die Jugend will selbst leben und selbst lieben, aus Leiden und ans Sterben denkt sie vorläufig nicht. Vollends nicht ans Leiden und Sterben ihrer Vorgänger. Für die Jugend ist die Vergangenheit der andern einfach nicht da, sie ist nur auf die Gegenwart gestellt, und daß ihr die Zukunft gehört, hält sie für selbstverständlich. Kein junger Mann zwischen fünfzehn und zwanzig, der nicht überzeugt wäre, daß er es besser können wird, als alle andern vor ihm, daß er das Leben meistern, daß er groß, reich, mächtig, glücklich sein wird. Und da wollen Sie ihm in den Weg treten und sagen: Senke nieder, Adlergedank, dein Gefieder! Tu Wasser in deinen Wein. Es wird alles gar nicht so sein, wie du es dir ausmalst. Ich war auch zwanzig, und sieh mich an, was aus mir alles nicht geworden ist! - Der junge Mann wird nicht denken: Der Alte hat recht, bremsen wir! Sondern er wird denken: Der alte Stiesel, ich glaube wohl, daß der es nicht weiter bringen konnte. Wir sind doch weiß Gott eine andre Nummer!“
„Bitte. Herr Grimmberger, es kommt doch auch vor, daß ein alter Herr von des Erfolges Höhen herunter den Jungen zeigt, wie es gemacht wird.“
„Mumpitz. Dann glauben sie nicht an sein Verdienst, sondern sind überzeugt, daß er seinem reichen Vater oder seiner schönen Frau oder seinem guten Magen verdankt, was er geworden ist, oder so ähnlich, aber nie seinem hellen Kopf und seiner Arbeit.“
„Na na! Herr Grimmberger. Ich habe von den Jungen eine bessere Meinung.“
„Warten Sie ab. Eines Tages werden Sie Folgendes erleben: Sie werden einer Gesellschaft von jungen Leuten eine Geschichte erzählen. Meinetwegen eine sehr gute Geschichte. Und werden den Eindruck haben, daß die Jungen zuhören und die Geschichte gut, sehr gut finden. Nur mit einer kleinen Nüance. Es wird, um wieder einen Vergleich zu gebrauchen, ungefähr so sein, als schenkten sie einem jungen Freund einen von Ihren alten Fräcken. Einen noch sehr guten, kaum getragenen Frack. Aber der junge Freund wird ihn nicht anziehen, sondern ins Versatzamt bringen u. den Erlös in bar mit den kleinen Mädis verjubeln. Ganz so. Ihre Geschichte interessiert die Jungen nicht als Ihre Geschichte, an der Sie ein Verdienst hätten, sie lassen sie sich nur durch den Kopf gehen, um zu sehen, was sich von ihrem Standpunkt daraus machen läßt. Und dann noch eins: Gewöhnen Sie sich von Ihrem - sagen wir mal 68. Lebensjahre an ganz ab, Geschichten zu erzählen. Sonst sagen die Leute jedesmal - auch wenn Sie sie erst einmal erzählt haben -: Aha, jetzt kommt wieder die alte Geschichte!“
„Das predigen Sie mir nun schon zum fünften Mal, Herr Grimmberger, und ich ....“
„Was, zum fünften Mal! Da sehen Sie, da haben Sie’s! Adieu!“
Und wütend schob er ab.