Wir standen vor Gusty’s neuer Jagdhütte, einem gemütlichen Blockhaus, an einer Stelle im Wald, von der er immer gesagt hatte, dort wolle er einmal begraben sein.
Ich war des Lobes voll über die geniale Art, in der dies Weidmannstuskulum ins Grüne hineinkomponiert war.
„Und inwendig erst!“ sagte er verheißungsvoll.
„Hast du auch passenden Bildschmuck gefunden?“
Da führte er mich ins Eß-, Rauch-, Wohn-, Spielund Musikzimmer.
„Da sieh!“
Das erste Bild, das an der Zirbelkieferwand hing, hieß: „Mein Jagdschloß“. Darauf sah man hoch oben zwischen zwei mächtigen Eichbäumen, wo die ersten starken Äste aus dem Stamm drängen, ein Fuderfaß wagerecht eingebaut. An der dem Beschauer zugekehrten Seite fehlt der Boden, dafür ist an einer Eisenstange ein weiß und rot karierter Zugvorhang angebracht, der aber grade seitwärts gerafft ist, damit er dem Jagdschloßbesitzer die Aussicht nicht versperrt. Dieser sitzt im Faß, die Füße auf den obersten Sprossen der Leiter, über die man in’s „Schloß“ gelangt. Das grüne Jägerhütchen im Nacken lehnt er mit einer Seite an der Daubenwand, raucht seine Jägerpfeife mit dem hohen Porzellankopf, an dem man sich im Winter so fein die Fäuste wärmen kann, und liest im letzten St. Hubertusheft. Auf einem Wandbrett steht eine Kaffeekanne und eine Weckeruhr, aus dem Hintergrund meldet sich ein rundes Öfchen, dessen Rohr oben durch die Faßrundung ins Freie geleitet ist. Eine Wetterfahne fehlt ebensowenig, wie die Klingel für etwaige Besucher. Rechts daneben ist mit Stangen und Brettchen eine Art Terrasse gezimmert, auf der zwei Flinten und einige Geraniumstöcke stehen. Nach dem Gesichtsausdruck des Besitzers zu schließen, muß es sich da droben äußerst gemütlich hausen.
„Das ist ja schon sehr stilvoll,“ sagte ich anerkennend.
„Guck weiter,“ drängte Gusty.
Das zweite Bild hieß: „Erfinderisch find immer ...“ und zeigte einen feisten Jägersmann, der auf einem Fichtenstumpf hockte; dabei hatte er sich die Spitze einer Fichte mit einem dicken Seil den Rücken hinauf festgeschnürt, im Mund hielt er einen Fichtenzweig und zwei Äste ragten von seinem Sitz aus rechts und links in den Raum. So wartete er darauf, daß ein Wild auf die grüne Lichtung vor ihm herausträte und ihn vertrauensvoll für eine Fichte hielte, damit er ihm auf dreißig Tritt die sichere Kugel aufs Blatt pfeffern könnte.
„Immer besser,“ mußte ich zugeben.
„Und hier!“
Dies Bild hieß: „Nur wer die Sehnsucht kennt.“ Im daunengepolsterten Großvaterstuhl saß der arme Hies! oder Lois! oder Waschtl im grünen Fulldreß des Weidmanns, bis auf die Füße, deren einer im Pantoffel stak, während der andre, dick umwickelt mit lustig abstehenden Knotenzipfeln auf einem Schemel ausgestreckt lag. Die Doppelbüchse hat der Ärmste quer überm Schoß liegen, das Zeiß-Glas hängt ihm auf der Brust, die Pfeife baumelt seitwärts an der Lehne, dem leidumzitterten Mund wird gleich ein fürchterlicher Fluch entblühen. Und um den Schmerzenssessel herum stehen in sämtlichen Gefäßen, die das Haus bietet, Waldpflanzen und Fichtenzweige - sogar eine Zigarrenkiste ist darunter, und das Gefäß der Gefäße - und auf einem Tischchen steht in einem Kübel gar eine mannshohe Tanne, daran hängt ein Vogelbauer und auf - nicht in dem Bauer sitzt ein Rotkehlchen mit weit offenem Schnabel.
Und so ging es weiter um die vier Wände herum. Jägerhumor in Bildern, in trefflichen Bildern, auf denen man bei näherem Zusehen immer wieder ein neues Detail entdeckte, über das man sich freuen mußte.
„Eigentlich, siehst du, ist es schade, daß ich die Dinger hier draußen an die Wand hänge,“ sagte Gusty. „Aber sie passen zu gut da herein.“
Er las die Frage in meinem Blick.
„Nun ja, es sind die Bilder aus der berühmten Mappe „Komische Käuze“ von Heinz Geilfus, St. Hubertus-Verlag, Cöthen-Anhalt, Preis 6 Reichsmark. Dort auf dem Tisch liegt die leere Mappe. Es sind, wie du siehst, acht humoristische Aquarelle und Zeichnungen. Jeder, der sie sieht, schlägt sich lachend auf den Oberschenkel und möchte sie auch haben. Aber ich habe noch keinem die Adresse gegeben.“
Es ist schnöder Verrat, den ich an meinem Freund Gusty übe, indem ich die Adresse verrate. Aber alle Jäger werden es mir danken.