Original

24. März 1926

Diese Wochen stehen im Zeichen des Buchenholzes.

Die Zeitungen strotzen von Meldungen über Brennholzversteigerungen, bei denen „recht nette“ Preise erzielt wurden, bis zu zweihandert Franken die Korde, mehr als das Zehnfache des Vorkriegspreises. Die schönen alten Waldriesen mit den glatten, silbergrauen Stämmen, von denen Eichendorff so schön zu singen weiß, werden in der ausgehenden Winterruhe gemerdet, ehe noch der Saft zu steigen beginnt, und kommen auf den Markt, wenn die Leute noch die Kälte der letzten fünf, sechs Monate in den Knochen haben. Da ist es kein Wunder, daß sie aus Angst vor dem nächsten Winter drauf los bieten.

Warum machen wir uns aus dem schönen, mattweißen Buchenholz keine Möbel und lassen es Jahr für Jahr in Rauch aufgehen, sodaß nichts davon übrig bleibt, als die paar Eimer Asche, die die Hausfrau beim „Bauchen“ benutzt? Eiche, Kirsch-, Apfel-, Birnund Rußbaum leben nach ihrem Tode ganze Geschlechterreihen hindurch in Gestalt von Schränken, Truhen, Tischen, Stühlen und Betten. Stolz sagt der Großvater zum Enkel: Dieser Uhrstock ist aus einem Nußbaum gemacht, der draußen im Hof stand, ich habe noch Nüsse davon gegessen, ich weiß noch, wie er umgehauen wurde, wie die Brettschneider ihn zersägten, wie die Dielen zum Trocknen aufgeschichtet lagen, wie wir als Kinder daran herumkletterten.

Aber die schönste Buche geht anonym zugrund, kein Großvater und kein Enkel weiß von ihr zu lingen und zu sagen. Sie ist der Massenbaum, der als Buchenhalle im Mund der Dichter poetisch wirkt, den wir auf einem Bild von Ludwig Richter wunderschön finden, aber den wir keiner posthumen Ehrung für würdig erachten. Die meisten von uns denken gar nicht mehr an die Poesie des Buchenwaldes, wenn sie eines Tages vor einem Haus in der Stadt ein Bauernwägelchen halten sehen, von dem die gespaltenen Scheite klingend herunter auf den Haufen geworfen werden.

Andern Morgens um sechs kommt der Streitzen Neckel mit seiner Schar, ßßßm pang ßßßm pang macht die Sägemaschine, spell spell spell machen die Äxte, und nach vierundzwanzig Stunden deutet keine Spur, kein Spänchen mehr darauf, daß hier für einen Tausender Buchenholz klein gemacht wurde.

Nirgends wird so malerisch deutlich gemacht, was es heißt, einen klein kriegen, wie hier.

Der Holzosen hat bis jetzt am siegreichsten von allem Alten den „Errungenschaften der Jetztzeit“ die Stirn geboten. Trotz Steinkohle und Dauerbrand behauptet er sich in den Familien. Weil sich merkwürdigerweise der Glaube eingebürgert hat, das Holz gebe eine gesündere Hitze, als Kohle oder Zentralheizung. Man sollte es nicht sagen, wenn man sich daran erinnert, daß viele Lebensmüde zum Holzkohlenbecken greifen, um sich tödlich zu vergasen.

Schöner freilich ist das Holzfeuer. Und man ist sich seiner jederzeit bewußt, während Nadiator und Amerikaner an und für sich, auch ohne unser Eingreifen da zu sein scheinen. Der Holzofen braucht uns, und wer uns braucht, hat Anspruch auf unsere Zuneigung. Ohne uns erlösche das Leben im Holzofen nach ein paar Stunden, wir retten ihm zehnmal am Tag das Leben und wir wissen aus Labiche’s Voyage de M. Perrichon. daß der Lebensretter dem Geretteten viel dankbarer ist, als umgekehrt der Gerettete dem Retter. Deshalb haben wir den Holzofen lieb, sitzen stundenlang und lassen ihn mit uns plaudern, verbrennen in ihm unsre alten Papiere, klauben aus seiner Glut die Kohle für unsre Pfeife. Er ist für uns jemand, ein Wesen, das mit zur Familie gehört, ein Landsmann nicht ein Zugewanderter aus Amerika, mit dem wir nie richtig vertraut werden.

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    Katalognummer BW-AK-014-3137