Um die Zeit, wo Frantz Clément seinen Landsleuten hier den Rat gab, sich aufs Übersetzen französischer Bücher zu verlegen, hatte grade ein Luxemburger in Deutschland den Rat befolgt. Es war Herr Tony Kellen, der im Reckar-Verlag zu HohenheimStuttgart die „Geschichte meiner Tiere“ von Alexandre Dumas, mit dem Porträt des Verfassers und 36 Abbildungen von Benno Bungert herausgebracht hatte.
Es ist erstaunlich, wie frisch und unmittelbar das Buch noch heute wirkt. Das ist zum Teil das Verdienst des Übersetzers, der aus dem guten Französisch des alten Dumas ein gutes Deutsch gemacht hat und dabei dem Original so treu geblieben ist, daß man beim Lesen ganze Seiten mühelos ins Französische wörtlich zurückübersetzen kann.
Tony Kellen hätte also das Problem glücklich gelöst. Er konnte es, weil er im Deutschen tief drin zuhause ist und auch das Französische so beherrscht, wie es nur der kann, der von Kindheit auf in den Geist der Sprache eingeführt wurde.
Indes, seine Aufgabe als Übersetzer war relativ leicht, obschon sie eine große Meisterschaft zu ihrer Lösung voraussetzte. Er hatte es mit einem klaren Genie zu tun, das auf die sprachliche Gestaltung von materiellen oder geistigen Tatsächlichkeiten eingestellt war. Die Heutigen, auch bei den Franzosen, sind weniger klar und präzis, ihnen ist die Sprache oft nicht nur das Mittel, ihre Gedanken deutlich auszudrücken, sondern ihre Gefühle undeutlich ahnen zu lassen. Und da fängt für den Übersetzer das Dickicht an, le maquis. Da weiß er oft nicht genau, wie es gemeint ist, weil es der Autor oft selbst nicht ganz genau wußte, da verfängt er sich in infinitesimal abschattierten Nüancen, für die es in seiner Sprache kein gleichwertiges Wort gibt, muß zu Umschreibungen greifen, um wenigstens annähernd Rhythmus und Schwingung des Originals einzufangen, findet plötzlich, daß er weitab vom Ausdruck, den er verdeutschen soll, eigene Gedankenwege eingeschlagen hat, stellt zu seinem Entsetzen fest, daß er völlig außerstande wäre, aus seiner Übertragung den Urtext wieder herauszuwirren. Und doch gibt es vielen Sprachkünstlern von heute gegenüber kein anderes Mittel, sie in einer Übersetzung dem Verständnis des Lesers nahe zu bringen. Je tiefer ein Original zum Beispiel im Geist der französischen Sprache sich bewegt, desto mehr muß sich der deutsche Übersetzer bemühen, ohne am Autor allzu argen Verrat zu üben, durch allerhand Nachhilfe daraus ein anständiges Deutsch zu machen, das seinerseits den Geist des Deutschen atmet. Denn eine gute Übersetzung soll nebenbei auch ein literarischer Genuß sein.
Und da hat Frantz Clément recht, an dieser Aufgabe sollten wir Luxemburger uns wetzen, sei es auch nur, um festzustellen, daß es gar nicht so einfach ist.
Als der große Coquelin noch ein kleiner Anfänger war, gab ihm sein Direktor ausschließlich feierliche Väterrollen zu spielen, um sein überkochendes Temperament zu zähmen.
Wir sind sprachlich andauernd überquellende Anfänger. Wir wollen mit Wörtern, nicht einmal Worten verblüffen, wir sagen: Aha, der schreibt einmal schön!, wenn einer mit dem neuesten Wörtermaterial wichtigtuerisch Steinbaukasten spielt.
Gewissenhafte Übersetzerarbeit könnte da denselben Zweck erfüllen, wie es bei Coquelin die Väterrollen taten.