Original

26. März 1926

Mir lebt ein Onkel in Amerika.

Ich hatte Jahrzehnte lang nichts von ihm gehört, als daß er in relativ jungen Jahren durch Heirat die Zahl meiner Tanten um eine, die Zahl meiner Vettern und Basen um viele vermehrt hatte.

Da erfuhr ich, er sei krank. Ich hielt es für meine Pflicht, ihn aufzumuntern, ihm eine Freude zu bereiten. Aber womit? Bei dem heutigen Dollarkurs, ich bitte Sie! Ein luxemburger Schinken, eine Schüssel Kochkäse und andere Nationalgenüsse wären ihm sicher willkommen gewesen, aber wer weiß, ob der Arzt sie ihm nicht verboten hätte?

So kam ich auf die Idee, ihm einige Bilder aus seinem Heimatdorf anfertigen und hinüberschicken zu lassen.

Er war mit siebzehn Jahren als hoffnunggeschwellter Jüngling, halb noch Knabe, hinübergefahren, mit dem Segen seiner Mutter als Hauptanlagekapital. Seither waren allmählich seine Beziehungen herüber so gut wie abgerissen, er kämpfte sich mühsam hoch, die alte Heimat trieb immer weiter ab. Aber wenn einer in die siebzig kommt, dann ist es, als sei er in der Runde gegangen und komme den Gesilden der Kindheit wieder näher.

Also nahm ich einen Freund, der mit dem Knipskasten umzugehen weiß und außerdem über einen komfortabeln Zweisitzer verfügt, und töfftöffte mit ihm in die Heimat des Onkels aus Amerika.

Es ist eines der wenigen Dörfer im Gutland, die noch nicht von einer Eisenbahn berührt werden. Infolgedessen hat sich in seinem Aussehen wenig verändert. Namentlich das Geburtshaus des Onkels samt Umgebung sieht noch ganz genau so aus, wie zur Zeit, wo er als Knirps die abschüssige Treppenmauer auf dem Bauch und umgekehrt herunterrutschte. Das also wurde geknipst, Und der Schulweg, die Dorfstraße, die er vor sich hatte auf dem Schul- und Kirchweg, das Wirtshaus, in dem er seine ersten selbstverdienten Groschen in einem Bier anlegte, an das er sicher noch heute in seiner zweiten, trockengelegten Heimat mit Zungenschnalzen zurückdenkt. Dann die Kirche, in der er so oft kalte Füße und Hunger hatte, die Schule, die in eines jeden Knaben Jugenderinnerungen den Mittelpunkt einnimmt, der Blick über Gärten und Wiesen bis zum Waldrand drüben, sicher das weite Bett, in das sich der drängende Strom seiner jungen Sehnsucht nach Ferne und nach Erleben ergoß. Es ist eine stattliche Sammlung von Ansichten geworden, und der Onkel wird sich sicher .....

Ja, wird er sich freuen? Zunächst, wird er auf den Bildern sich noch zurechtfinden? Das wohl, denn mit fiebzehn Jahren hat man sich die tägliche Umgebung für immer eingeprägt. Machen Sie die Probe. Denken Sie an einen Ort, an dem Sie mit siebzehn Jahren auch nur vorübergehend anwesend waren und den sie seither nicht wiedergesehen haben. Sie würden ihn auf einem Bild zweifellos wiedererkennen.

Aber ob sich der Onkel an den Aufnahmen freuen wird? Wer Amerika nicht erlebt hat, sagen sie alle, die von drüben auf Besuch in die alte Heimat kommen, der kann sich von der Beschlagnahme der ganzen Persönlichkeit durch das übersteigerte Leben von drüben keine Vorstellung machen. Du wirst, sagen sie, derart brutal rundum und um gewirbelt, daß Dir Hören und Sehen vergeht. Für Gefühl oder gar für Sentimentalität ist kein Raum. Das sind Seelenzustände, die nur im Sitzen möglich sind, und zum Sitzen kommst Du drüben gar nicht. Es ist, wie wenn Du dicht an den Niagarafällen Dir etwas auf der Mundharmonika vorspielen wolltest.

Einerlei, ich schicke meine Bilder dem Onkel aus Amerika.

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    Katalognummer BW-AK-014-3139