Original

27. März 1926

Die Luxemburgische Sprachgesellschaft - Gesellschaft für Sprach- und Dialektforschung - gibt ihr Jahrbuch 1925 heraus.

Der Inhalt ist sehr interessant. Es ist allerhand Grundlegendes darin. Aber Josef Tockert stößt einen Notschrei aus, der durch das ganze Land gellen soll. Er verlangt, daß wir endlich auf geistigem Gebiet wahr machen sollen, wovon Michel Lentz im „Feierwon“ singt: „Dat mir nun och de We hu fondt - Zum e’weg gro’ße Volkerbond“. Das ist holperig gesagt und gut gemeint, aber bis jetzt leider noch nicht wahr gemacht. Warum? Tockert fagt es so eindringlich - mit Anwendung auf ein nationales Wörterbuch, aber mit allgemeiner Geliung - so eindringlich und so wirklich ergreifend, daß seine Worte im ganzen Land öffentlich angeschlagen werden sollten, wie in Frankreich die besten Parlamentsreden.

Einstweilen seien sie hier angeschlagen:

„Unserm Land“, sagt Josef Tockert, „fehlt ein Organ für höhere Geistigkeit. Als man es 1839 auf eigene Füße stellte, nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft, war es ein armes, ackerbautreibendes Land, dem das geistige Brot immer von Fremden gereicht worden war. In dem Sinne der geistigen Genügsamkeit und der gedrückten Bescheidenheit, die sich daraus ergeben hatten, richtete es in den zwei ersten Jahrzehnten seiner Selbständigkeit sein geistiges und kulturelles Leben ein: seine „höheren“ Examina, seine Bibliotheken, öffentlichen Sammlungen, Archive. Die sind ihm so geblieben, wie die genügsamen Väter von damals sie ihm einrichteten; in einigen Punkten besser, in andern, nachdem der erste Anlauf verstrichen war, sogar schlimmer.

„Nun ist aber seit zwei Generationen aus dem armen, ackerbautreibenden Land von 1839 ein kommerzielles und industrielles Warenumsatzgebiet ersten Ranges erstanden, ein Kongreßland und Völkertorridor im Herzen Westeuropas, ein in materiellen Gütern und materieller Betriebsamkeit riefig emporgewachsenes Volksganzes. Aber das Organ für höhere Geistigkeit fehlt ihm noch immer. Das hängt mit der geistigen Struktur Luxemburgs zusammen, wie sie sich aus den Unglücksgesetzen von 1848 und 1878 über die Verleihung der Grade ergeben hat. Durch das Recht, welches der Gesetzgeber von damals sich genommen hat, Akademikergrade zu verleihen, ohne daß Universitätsprofessoren hinzugezogen werden, ist Luxemburg geistig isoliert worden. Es ist in vollem Maße eingetroffen, was der Deputierte Eyschen, der Vater des späteren Staatsministers, 1846 warnend prophezeite: „Le système de conférer les grades académiques dans le Grand-Duché ne peut pas être soutenu dans l’Europe entière, bien entendu sous ce rapport, qu’on abuserait des termes admis dans l’Europe pour indiquer un autre sens que celui qu’ils ont pénéralement. Les universités de tous les pays distribuent des grades académiques d’une manière tout à fait indépendante des attributions que le Gouvernement y attache pour l’exercice de fonctions quelconques. L’orateur doit en áme et conscience, pour la défense de la république des sciences et des lettres, protester contre cette manière de conférer les grades par laquelle on dégrade le doctorat des universités. Le GrandDuché, d’après la loi, s’isole du monde entier.“ Der geistige Schmuggel in Doktortiteln, den man damals, trotz der Proteste der Eyschen, Pescatore Witry und Neumann, einführte, und den man 1875 resp. 1822 neu bestätigte, hat sich an dem geistigen Luxemburg bitter gerächt. Es kam der schleichende, immer stärkere Niedergang alles Wissenschaftlichen, der Mangel an wissenschaftlichem Geist welcher in der Ära Eyschen noch derart mit Selbstgefälligkeit und Selbstberäucherung gepaart war, daß posenhafte Inkompetenz damals von der großen Zahl der Luxemburger Gebildeten als „Wissenschaft“ angestaunt wurde. Die junge Generation will glücklicherweise von dieser Geistigkeit nichts mehr wissen. Sie will für die Gebiete des Geistes die internationalen Verbindungen herstellen, welche Handel und Industrie längst für sich hergestellt haben. Es ist glücklicherweise jetzt ein Anlauf zum Besseren genommen worden. Er kann diesmal nicht im Sande verlaufen, will Luxemburg sich nicht in der neuen Stellung, die ihm der Vertrag von Versailles geschaffen hat, selbst aufgeben. Das reichste Land der Welt muß die Eierschalen der geistigen Armut abstreisen und nicht bloß mit Lekomotiven, in den Worten des „Feierwon“, den Weg zum großen Volkerbund finden. Der luxemburgische Volkskörper von heute braucht höhere Organe und muß sie sich schassen. Und solange er sich, außer der Hebung seiner höheren Examina auf Universitätsniveau, keinen Organismus für höhere Geistigkeit geschaffen hat, während die materiellen Organismen üppig wuchern und starken Appetit entwickeln, gegen den der Geist immer und immer wieder zu kurz kommt; solange zerbröckelt ihm alles, was es tut, solange fehlt ihm die Wesenheit, die allein einem Land und Volk Bestand geben kann: die Seele!“

Wenn das bei den Alten nicht einschlägt - es gibt auch Alte, die den Scheitelpunkt des Lebens noch nicht überschritten haben - bei den Jungen muß und wird es einschlagen, und sie werden mit dem amtlichen Dilettantismus aufräumen, wenn ihr Wort einmal Macht geworden sein wird.

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    Katalognummer BW-AK-014-3140