Auf meinem Weg in die Stadt fiel mir im Parkviertel ein junger Mann auf, der auf einem Fahrrad langsam, torkelnd die Häuserreihe entlang fuhr.
Vor jedem Haus sah er sich scharf die Nummer und das Namenschild auf dem Gartentor an, dann die Adresse auf einem Brief, den er in der Hand trug.
Mit bewunderungswürdigem Geschick bewahrte er in solchen Momenten das Gleichgewicht auf dem Rad. Indem er sein Vorderrad zu seinem Hinterrad in einen geraden Winkel stellte, vermochte er in einer äußerst labilen Stellung sogar sekundenlang bewungslos zu verharren, bis ihm wieder das Gesetz der Schwere ein Bein stellte und er durch beflissenes Hin- und Herrenken mit der Lenkstange sich aufrecht halten mußte.
Mir fiel auf einmal die Geschichte eines andern jungen Mannes ein. Er war noch sehr jung, noch ein Knabe, als er in der Zeitung eine Anzeige las, in der für ein großes Geschäftshaus ein Lehrling gesucht wurde.
Er ging sich zu melden.
Der Inhaber der Firma sah gerade durch das Fenster seines Kontors auf den Hof. Er sah den jungen Mann sich bücken und eine Stecknadel aufheben, die er sorgfältig abputzte und hinter den Kragenumschlag seines Rockes steckte.
Durch diese Feststellung wurde der Inhaber des großen Geschäftshauses bewogen, dem jungen Mann die Stelle zu übertragen. Er wußte, der würde nichts umkommen lassen, und das ist im Geschäft eine Haupttugend.
Hätte dieser reiche Kaufmann heute eine Stelle zu vergeben und hätte dem radelnden Jüngling mit dem Brief in der Hand zugesehen, wie ich, wer weiß, wie sein Entscheid ausgefallen wäre. Aber soviel weiß ich: Hätte ich zu entscheiden gehabt, so wäre das Resultat ein entschiedenes Nein! mit Ausrufungszeichen gewesen. Für mich war dieser junge Mann ein „Flantes“, der aus purer Faulheit nicht vom Rad stieg. Wäre es denn nicht viel einfacher gewesen, er hätte das rechte Bein über den Sattel zurückgeschlagen, wäre an die Häuser herangegangen und hätte sich eins nach dem andern genau die Schilder angesehen! Aber nein, da war kein Pflichteifer, keine Genauigkeit, er luderte sich lieber so hin. Was hatte er denn schließlich für ein Interesse daran, daß der Brief richtig bestellt wurde! Lieber fuhr er wieder heim und sagte, so einer wohne gar nicht in der Straße. Und dann drehte er sich eine Zigarette und las eine alte Nummer des „Auto“. Ich hätte ihm am liebsten eins hinter die Ohren gegeben, trotzdem ich gar keine Stelle zu vergeben hatte. Die augendienerische Beflissenheit des Strebers ist häßlich, aber diese Nonchalance, auf die so ’n Bengel doch gar kein Recht hat, die stinkt.
Moral: So du in der Öffentlichkeit dich bewegst, beobachte dich, weil dich die andern beobachten. Du kannst nicht wissen, wenn du eine Straße überquerst, ob nicht ein paar Klatschbasen hinter einem Fenster sitzen und dir nachsehen und nachher in der Stadt erzählen - ja, was werden sie erzählen? Klatschbasen finden immer etwas zu erzählen, du wirst dich wundern, wenn es dir später zu Ohren kommt. Es braucht dir ja auch gar nichts daran zu liegen, und ich gebe dir den Rat nur, damit dich einmal die Lust anwandelt, dich plötzlich umzudrehen und den verblüfften Beobachterinnen, die dich schon zu zerkleinern angefangen hatten, die Zunge herauszustrecken.