Feiertagspathos schwerer, dunkler Glockenschläge schwamm in sanften Wellen über die Stadt, in der Luft wehte es voll von unsichtbaren Fahnen, und unsichtbare Girlanden überwölbten hochfesttäglich die Straßen, die Menschen waren alle wie frischgebadet, die Damen trugen stille lächelnd Sträuße von gelben Himmelsschlüsseln heim und in den Rasierstuben saßen die Männer dicht aufeinander, um sich für den kommenden Ostertag auflackieren zu lassen.
Grimmberger ging vor mir, gesenkten Hauptes, die Hände hinterm Rücken verschränkt, offenbar tief in unfrohes Sinnen versunken.
Ich gabe ihm einen kräftigen Klaps auf die linke Schulter und rief:
„Hallo, alter Freund! Noch einmal aufzustehen, dann singen wir wieder Alleluja!“
Erst schien er zornig werden zu wollen. Dann stellte er die Weiche auf mitleidiges Lächeln und sagte:
„Junger Mann, wenn Sie nicht hebräisch können, so reden Sie doch lieber deutsch!“
„Wie so, hebräisch?“
„Na, ist Ihr Alleluja vielleicht Fischmarkter Platt?“
„Nun ja, aber ich ....“
„Sie haben das einzige Wort hebräisch, das Sie gelernt haben, auch noch verkorkst, wie es im ganzen Ländchen jahraus jahrein verkorkst wird, in Kirche und Schule, am Stammtisch und bei der Kuhhut. Jawohl, glotzen Sie mich nicht so träumerisch an. Es heißt nicht Alleluja sondern Halleluja! Verstanden? Und es bedeutet: Lobet Jehova.“
„Verzeihung, Herr Grimmberger, hebräisch heißt es nicht Jehova, sondern Jahwe!“
„Jahwe, jawoll. Ich habe es erst heute morgen im Brockhaus nachgelesen: Feierlicher Ausruf der hebräischen Poesie, in die Bibelübersetzungen übernommen, ging aus dem jüdischen Gottesdienst in den christlichen über. Können sich also was einbilden auf ihr Osterhalleluja! Übrigens pilant, wie sie dazu kommen. Auch aus dem Brockhaus. Die abendländische Kirche läßt schon seit 1500 Jahren das hebräische Lobet den Herrn! in der Fastenzeit weg, um an Ostern damit um so lauter zum Zeichen der Freude wieder loszulegen. Stauweiher, nicht? Sechs Wochen lang wird Gott der Allmächtige auf schmale Lobeskost gesetzt und dann auf einmal damit überfüttert. Sie meinen es gut, aber sie verstehen kein Hebräisch!“
Wir gingen zusammen weiter und er summte ingrimmigen Hohnes voll vor sich hin: Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam! Hähähä! Sperren dem lieben Herrgott wochenlang das Halleluja, weil sie Buße tun wollen. Stauweiher!“
In den Konditorläden standen und lagen die Osterleckerbissen.
„Großartig für die Zähne!“ brummte Grimmberger, als er bei Kuntgen die Croguante-Hasen und Eier erblickte. „Und was soll nun das wieder heißen? Die Hasen haben sie uns schon als Ostertiere aufottroyiert, zu meiner Kinderzeit wußten wir nichts von dem Osterhasen, der Eier legt. Jetzt haben sie scheint’s ein neues Ostersymbol aus Schokolade erfunden, über das wir uns kindlich freuen sollen. Da, die Glocken! Blödsinn, eine Glocke von Schokolade! Befleckte Phantasie. Die Glocken fliegen nach Rom, das sieht man manchmal sogar gemalt. Sieht aus, wie alte Pfarrersköchinnen mit Flügeln, ohne Köpfe und mit je einem Bein, die durch die Lüfte dahinsegeln. Ein heiliges Donnerwetter soll all diesen .......“
Ich hatte mich schleunigst dünne gemacht, denn um den schimpfenden Grimmberger begann sich schon ein Auflauf zu bilden.