Ein guter Rat, sagen sie, ist Goldes wert.
Dieses ist also ein guter Rat, der dir vielleicht einmal einen Dienst leisten kann.
Denn es liegt im Bereich der Möglichkeit, daß dir einmal hundsmiserabel zumute ist - du brauchst nicht grade einen geflockten Höllenkater zu haben, es kann auch sein, daß dir im Leben alles mißraten ist, daß du nicht allein Hamorrhoiden, sondern auch Zahnweh hast, alles zum Frankensturz in den Kauf, Mißerfolg und Kümmernis an allen Ecken und Enden - dann geh auf Straßenbummel, bis du beispielsweise am Schaufenster einer Konditorei ein Bübchen stehen siehst, ein Bübchen mit großen, braunen, begehrlichen Augen und ausgetretenen Schuhen, die ihm viel zu groß sind - drinnen liegen süße Schätze gehäuft, Schokoladetrüffel, Schalen voll Bonbons, Likörpralinés in blinkender Hülle, rot, blau, grün, gelb - kurzum ein sinnenbetörendes Paradies für ein hungriges Bübchen mit schiesgetretenen Schuhen und blanken, begehrlichen Augen.
Du wirst zu dem Bübchen sagen: Junge Junge, da möchtest du wohl einen Griff hinein tun, was! Das würde munden! Was tätest du wohl sagen, wenn ich dir ein paar Franken ....?“
Das Büblein wird dich halb mißtrauisch, halb vorwurfsvoll anfehen, auch ein bißchen verächtlich abwehrend. Und seine Augen werden sagen: „Herr, uzen Sie nicht zu Ihrem Vergnügen ein armes Proletarierkind! Es wird Ihnen einfallen, mir Geld auch nur für einen dieser süßen Klumpen zu schenken! Da wären Sie ein Phänomen! Gehen Sie Ihre Wege und lassen mich genießen, wie ich es verstehe. Das ist so unsre Art, zu genießen. Damit machen wir uns scharf fürs Leben. Sie kriegen ja auch nicht alles, was Sie gerne haben möchten. Oder ist Ihnen nie passiert, daß Sie eine blitzblanke neue Buick oder AustroDaimler vorbeifahren sahen, mit schönen Damen darin, und daß Sie dachten: Die möchte ich haben! Und die Buick fuhr vorbei mit den schönen Frauen und Sie hatten nicht einmal den Genuß, daß Sie minutenlang davor stehen und sie mit den Augen fressen konnten, wie ich dies ganze Schaufenster. Also lassen Sie mich bitte in Ruh und halten andre zum besten.“
Solches und ähnliches werden die braunschwarzen Brombeeraugen des Bübchens zu dir reden.
Du aber greife flugs in die linke innere Brusttasche, wo dir die Geldbrieftasche steckt - die Augen des Bübchens werden immer größer, immer stärkeres Mißtranen und sprungbereite Abwehr treten in seinen Blick - du reichst ihm einen Fünfer - er wird die Hände auf den Rücken legen, er fürchtet, du wirst auf einmal hohnlachend den Fünfer zurückziehen - also drück ihn ihm mit freundlichem Lächeln in die Hand und sage ihm, daß er sich dafür im Laden kaufen soll, was er will.
Du wirst das Leuchten in seinen Augen sehen, das Leuchten über sein ganzes Gesicht - du weißt auf einmal: Ich habe einen Menschen glücklich gemacht, ich habe gemacht, daß ein Mensch an mich glaubt, und wenn es auch nur ein armes kleines hungriges Vorstadtskind ist.
Mehr kannst du in dem oben beschriebenen Ge und Körperzustand für fünf Franken wirklich für dich tun.