Original

8. April 1926

Wie Herr Speckens die Sache sah:

„Ach ja, Kinder, es ist doch ein Unterschied zwischen unserm Ösling und ihrem Gutland. Nicht nur in der Obstblüte. Das ganze Leben ist mehr südlich mild. Man läßt sich so hinfließen.“

Einer sagte, Herr Speckens sehe wirklich glänzend aus, richtig dick angefressen.

„Das will ich meinen. Ich habe beim Kollegen Bretzem acht Schlaraffentage verlebt. Ich wollte es ihm nie so recht glauben. «Speckens, sagte er immer, du mußt mich mal besuchen. Wir machen uns ein paar gute Tage. Meine Frau kocht, wie nie eine, es ist alles da, komm, wann du willst, nur schreib vorher eine Karte oder telephoniere.» Das wollte ich nun nicht, ich bin nicht dafür, die Leute aufzuregen und mich wichtig zu machen, wenn ich komme, bin ich da, nur keine Umstände. Bretzem freute sich wirklich, als ich ihm die Überraschung bereitete. Es ist so schönes Wetter, sagte ich, da dachte ich, ich wollte im Trintinger Tal die Kirschblüte sehen. Sie reden so viel davon. Wenn ich dir ungelegen komme, sage es frei heraus. «Wieso!» begehrte er auf. «Du bleibst ruhig da!» - Dann kam die Frau und wischte sich die Hände an der Schärze ab und entschuldigte sich, sie habe grade in der Küche Nudelteig gewalzt. Selbstgemachte Nudeln! rief ich entzückt. «So,» lachte sie, «essen Sie auch gern hausgemachte Nudeln?» - «Nur!» versicherte ich begeistert. Es gab sie zu Mittag. Ein Gedicht! Das ging dann so weiter. Schon das Frühstück! Duftender Bohnenkaffee, Milch mit einer gelben Rahmhaut darüber, hausgebackenes Weißbrot, hausgemachte Butter von der eigenen Kuh, Kochkäse dito, Zossitz und Schinken direkt aus dem Rauchfang - fast so gut, wie die daheim im Ösling. ja, für manchen Geschmack vielleicht noch besser -, herrliche Spaziergänge bis Mittag, daß man einen Appetit heimbrachte, wie ein Holzhacker. Und dann das Mittagessen! Eine Suppe, sag ich Euch! Diese Frau ist die wahre Suppenkönigin. Und alles andre! Einfach, aber so deftig! Eins, aber es ist ein Löwe, möchte ich in Klammern zitieren. Dann draußen auf der Bank die Pfeife! Der Bretzem raucht ein Kraut, dessen sich kein Multimillionär zu schämen brauchte. Ich ließ dafür seine besten Zigarren stehen. Und sein Weinchen! Ganz was anders, als was man hier unter Grächen versteht. Und zu Schweinernem gab Kollege Bretzem immer verständnisvoll einige Flaschen Bier, selbstgefülltes Bier, er hat die Flaschen im Keller in einen Sandhaufen eingebuddelt, damit sie frischer bleiben. Er ist ein Lebenskünstler. Kollege Bretzem.“

„Warum bist du denn nicht länger geblieben?“

„Ach, ich weiß nicht. Wie sagt schon der Psalmist? Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen. Und dann hatte Frau Bretzem die unglückselige Idee, ein paarmal nacheinander geschmälzte Kartoffeln zu geben, die ich nicht zweimal nacheinander essen kann, ohne daß sie mir zum Hals rauskommen. Und dann bekam der Bretzem seine Migräne und mußte einen halben Tag im verdunkelten Zimmer sitzen mit Essigumschlägen auf dem Kopf. Ich hasse Essiggeruch und es wird mir ungemütlich, wenn ein Kranker in der Nähe ist. Als ich für den nächsten Tag meine Abreise ansagte, rafften sie sich zu einem so leckern Mittagessen auf, daß ich aufs Haar doch noch geblieben wäre, hätte beim Dessert Bretzem nicht wieder einen Anfall bekommen. Sie waren beide untröstlich, daß ich nicht bleiben wollte.“

Wie Herr Bretzem die Sache sah. (In aller Kürze.)

„Uff! Endlich! Endlich sind wir ihn los! Ich dachte, er ginge nie! Man muß so ein unverschämter Kerl sein, wie dieser Speckens, um sich einem so plötzlich aus blauem Himmel herunter auf die Schwarte zu setzen. Man will sich doch auch nicht lumpen lassen, einem Koellegen gegenüber, der einen im ganzen Land in den Ruf eines schäbigen Kerls bringen könnte. Aber einmal und nie wieder! Ratzekahl hat er uns ausgefressen, zwei Schinken und sieben Pfund Zossiß in acht Tagen, drei Schüsseln Kochkäse - eine ganze Speisekammer - und ein halbes Fäßchen Grächen, und zwei Dutzend Flaschen Bier - und das ganze Pfund Semois, das meine Frau mir zu meinem Namenstag geschenkt hatte, hat er lächelnd aufgeraucht und sich gewundert, wie wir das alles schaffen mit meinem bescheidenen Gehalt. Schließlich drohte meine Frau, zu ihren Eltern zu reisen, wenn der Fresser nicht binnen vierundzwanzig Stunden aus dem Haus wäre, und ich schützte Migräne vor und vertrieb ihn, indem ich das ganze Haus mit Essiggeruch verpestete. Und aufs Haar wäre er im letzten Augenblick doch wieder dageblieben. Uff! Hol der Henker die Tugend der Gastfreundschaft!“

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    Katalognummer BW-AK-014-3149