In der stillen, an der Peripherie des Marktgetriebes hingedehnten Straße war um diese Zeit, halb elf Uhr vormittags, allerlei Fortbewegungs- und Güterbeförderungsgeräte zu sehen. Am Straßenrand stand ein „Diable“, einer jener Karren, zwischen deren Deichselbäumen nie ein Pferd, nicht einmal ein Esel oder Hund, sondern immer ein Mensch geht, ein „Jabel“, der Inbegriff des zähen Robotts, den die Pariser Erdarbeiter darum Teufel getaust haben.
Ihm gegenüber stand ein Milchwägelchen, an das ein großer gelber Hund gespannt war. Dieser lag auf dem besonnten Pflaster, die Schnauze zwischen den gestreckten Vorderpfoten platt auf den Boden gedrückt. Einer jener Hunde, die nachts Stunden und Stunden lang klagend unterm schwarzen Himmel heulen, vor Hunger oder Kälte, Liebe oder Langweile. Jetzt hat er es gut. Und ohne den Kopf zu rühren blinzelt er seitwärts die Vorübergehenden an.
Ein kleines Mädchen kommt auf seinem „Füßchen“ in kurzen, eifrigen Stößen über den Bürgersteig gerasselt. Nach je drei Stößen läßt es den Renner auslaufen Ein Bild des Lebens im ganz Kleinen. Es stößt und schlebt und keucht einer in einem fort, bis er so weit ist, daß ihn die Maschine beim Auslaufen ein Streckchen von selber trägt.
Autos, Lastwagen polterten und sangen vorbei, sogar ein Pferdewägelchen. Aber „das Schönst und Schwerste“ war der in majestätischer Ruhe hingebaute Autobus Eich - Luxemburg - Hamm. Das ist unstreitig das schönste Gefährt, das zurzeit auf dem Gebiet von Großluxemburg verkehrt. Der Salon auf Rädern, zum Gebrauch des Volks. Er muß auf die Dauer erzieherisch, geschmackveredelnd wirken. Ein paar Marktfrauen sitzen schon drin, und es ist ihnen fraglos feierlich zumut, wie in einer Kirche.
Sie warten, bis der Salon sich in rasche, sanft schaukelnde Bewegung setzt und sie bis nachhaus vor ihre Türschwelle schaukelt. Es war doch gut, daß damals die Eingemeindung kam. Die Politik ist nicht immer nur purer Schwindel. Und so weiter. So werden die wartenden Frauen denken. Oder vielleicht denken sie auch gar nichts. Sie warten nur. Frauen sind die Virtuosinnen des Wartens. Lieber warten sie eine Stunde, als daß sie eine Viertelstunde zu Fuß gehen.
Merkwürdig, daß das Gehen beim Menschen so wenig beliebt ist. Und dabei versichert er, seine zwei Beine gehören zu dem Kostbarsten, was ihm der liebe Herrgott anerschaffen hat. Die Wandervögel werden mich Lügen strafen wollen, aber denen halte ich entgegen, daß Gehen und Wandern durchaus nicht dasselbe ist, so wenig wie Buchhaltung und Skatspielen dasselbe ist. Zwischen beiden liegt der himmelweite Unterschied, der sich in dem Wörtchen „müssen“ ausdrückt.
Um nicht gehen zu müssen, hat die Menschheit von jeher die unglaublichsten Anstrengungen gemacht. Über keinem Problem haben seit Erschaffung der Welt so viele Gehirne gedampft, wie über dem der mechanischen Fortbewegung, der Überwindung des Raums. Heute sind wir so weit, daß niemand mehr zu Fuß zu gehen braucht, wenn er nicht will - und wenn ihn der Autobus nicht auf der Strecke schnöde stehen läßt, nur weil der Herr Chauffeur oder der Herr Kondukteur sich irgendwo unterwegs festgekneipt hatten und nachher eine Station auslassen mußten, um vorschriftsmäßig den Zug zu erreichen. Das soll vorkommen, sagen sie.