Original

16. April 1926

Woran liegt’s?

Nehmen Sie einen luxemburger Adreßkalender zur Hand. Sie werden zirka 10 000 Leute finden, von denen Sie annehmen dürfen, daß sie sich für Äußerungen luxemburgischen Geisteslebens interessieren. Tatkräftig interessieren, mit der Geldtasche in der Hand.

In der Praxis schmelzen die 10 000 auf 1000, oft auf 100 zusammen. Bücher kaufen gehört nicht zu den anerkannten Kulturobliegenheiten des Luxemburgers, selbst wenn er das Prädikat „gebildet“ verdient. Er gleicht darin ein wenig dem Weintrinker, der sich auf seinen Geschmack nicht verläßt und darum nach dem Etikett sieht; am liebsten hält er sich an anerkannte ausländische Marken, da weiß er, meint er, was er hat. So wenig er sich auf heimische Kreszenzen einläßt, so wenig will der andere mit heimischen Buchgewächsen zu tun haben. Am liebsten kauft er gar nichts, außer wenn er einmal auf einer Reise einen Schmöker aus einer Bahnhofbibliothek ersteht.

Es liegt eben ein konkreter Fall dieser nationalen Uninteressiertheit für inländische Literatur vor.

Er heißt: Les Cahiers Luxembourgeois.

Seit ihrem Bestehen hat diese Zeitschrift nicht aufgehört, ein Sammelpunkt für literarische Formgebung unseres kleinen, in sich abgeschlossenen Kreises zu sein, Zeugnis abzulegen für unser inbrünstiges Streben nach Kundgebung der Eigenart, in der wir unsere geistige Daseinsberechtigung erblicken. Unter Leitung eines ernst gerichteten, national tief verankerten und unermüdlich sich vertiefenden Mannes, wie Nikolas Ries haben sich die C. L. auf einer achtunggebietenden Höhe gehalten. Sie haben die Gefahr der Verflachung und die der Langeweile gleichermaßen zu vermeiden gewußt. Jedes ihrer Hefte oder doch fast jedes war ein Schlager und wird für alle Zeiten eine Fundgrube des Wissens um unser Volk und seine Psyche bleiben. Besonders die letzten Nummern verdienen einen Ehrenplatz in der Bücherei eines jeden gebildeten Luxemburgers. Sie enthalten u. a. eine gradezu monumentale Arbeit über den Maler Martinus Kuytenbrouwer, aus der Feder des vorzüglichen belgischen Kunsthistorikers Sander Pierron. Die Illustrationen dazu, zum Teil alte Ansichten der schönsten Schloßruinen unseres Ländchens, sind allein das Geld für die Hefte wert. In die Tiefen der ältesten und saftigsten Volkskultur greift die Sammlung alter Hausmittel von Nik. van Werveke, Charles Becker widmet Frau von Sévigné eine äußerst interessante. Studie zu ihrer Dreijahrhundertfeier, Alphons Sprunck macht uns mit Oswald Spengler’s Pessimismus vertraut, einer unserer stärksten jüngeren Literaten steuert unter dem Pfeudonym Pogge ein von Niko Klopp reizend illustriertes Novellenfragment bei und allerhand Miszellen sind da zum Knabbern für den Nachtisch. (Heft V.)

Nun fragen Sie einmal bei Ihren Bekannten - Ihren „gebildeten“ Bekannten herum, wer das Heft gelesen - nicht einmal gelesen: Wer es gekauft hat. Sie werden aus dem Verhältnis berechnen können, daß von den eingangs erwähnten Zehntausend kaum ein paar Hundert beim Appell antreten werden.

Woran liegt’s?

Will man sein Geld nicht an wertlose Erwerbungen hängen?

Dieselben Leute, die keine zwanzig Franken für luxemburger Literatur übrig haben, geben Hunderte für Briefmarken aus. Jaaa! Briefmarken! Die wachsen in der Truhe!

Aber glauben Sie denn, daß zum Beispiel die Hefte der C. L. mit den Bildern von Martinus in zehn, zwanzig Jahren nicht das Zehn- und Zwanzigfache ihres heutigen Preises wert sein werden? Zweifeln Sie daran, daß sich später die Liebhaber um die vollständigen Sammlungen der C. L. reißen werden?

Also woran liegt’s?

Vielleicht an der buchhändlerischen Technik, die noch nach dem alten luxemburger Schlendrian verfährt: Sich mit den Händen in der Tasche in die Ladentür stellen und die Kunden an sich herankommen lassen.

Es ist in jüngster Zeit ja allerdings in den Luxemburger Buchhandel durch fachmännisch gebildete jüngere Kräfte mehr Zug hineingekommen, sie versuchen, mit dem Publikum Fühlung zu bekommen und zu behalten. Aber was speziell die C. L. betrifft, so kreisen sie anscheinend in diesem Zug nicht mit.

Wenn man Werte schafft, wie die in der C. L. enthaltenen, so hat man die Pflicht, sie mit Nachdruck ins Volk hineinzutragen.

Sie sind, wie die alten Zehnten, nicht quérables, sondern portables.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3156