Die Revue!
Zur Zeit, wo die Klassiker unsrer Revue, Pol Clemen und Lexi Brasseur in ihres Witzes Maienblüte standen, war sie eine öffentliche Einrichtung geworden. Es gab die Schobermeß, es gab die Oktav, es gab die Fastnacht und es gab die Revue. Man wartete darauf und man rechnete damit.
Allmählich ist sie im Jahr verrntscht. Sie ist zum Anachronismus geworden. Tatsächlich wäre es nicht leicht, in der verflossenen Theatersaison eine Lücke zu entdecken, wo sich die Revue hätte einschieben können.
Die Bedeutung der Revue ist infolgedessen eingeschrumpft. Auch weil sich der Nachwuchs für sie nicht mehr zu interessieren scheint. Sehr mit Unrecht. Unsre Intellektuellen der jungen Jahrgange sollten sich schämen, daß es sie nicht in diese Arena lockt, wo Witz, Humor, Schlagfertigkeit, Augenmaß herrschen, alle Gaben, mit denen das Leben ohne Bosheit und Heimtäcke, elegant, mit dem Florett, statt mit der Keule gemeistert wird.
Im Laufe der Zeit hat die Revue, die ursprünglich bei uns einen spezifisch lokalen Charakter aufwies, engeren Anschluß an das Genre der großstädtischen Ausstattungs-Revuen gefunden. Diese Tendenz verstärkte sich von Jahr zu Jahr. Auch diesmal ist auf Ausstattung ein Hauptwert gelegt, und es ist rühmend hervorzuheben, daß die Veranstalter für den Teil, der dem Auge gefallen soll, viel weniger, als sonst, dem Ausland tributpflichtig sind.
Dreierlei will befriedigt sein: Geist, Ohr und Auge.
Der oder die Verfasser haben im Text der Revue eine sehr demokratische Note gesucht und getroffen. Die Witze sind so deutlich, daß sie ohne Ausnahme über die Rampe fliegen und einschlagen, in castigando mores wird der populären Auffassung möglichst weit entgegen gekommen, in Moralpauken und Sentimentalität wird auf die bewährten Vorbilder des goldnen Zeitalters zurückgegriffen, was das Volk liebt und haßt wird seiner Liebe und seinem Haß mit pikanter Mostrichsauce vorgerichtet. Und das Volk reagiert mit Heiterkeit und Applaus. Nur wie die Autoren zum Beispiel das Werk von Locarno sehen, das dürfte nicht der geschichtlichen Bedeutung der Sache entsprechen. Sie sind ihrer Lorbeeren sicherer, wenn sie zuhaus bleiben und sich redlich von heimischen Produlten nähren.
Das Auge kam, wie gesagt, in zahlreichen schönen Bildern voll auf seine Rechnung. Herr Vandivoet hat nie in so überraschendem Maße gezeigt, was er als Bühnendekorateur zu leisten vermag. Vollendete Schönheitseindrücke, stellenweise mit packend unheimlichem Einschlag schenkte dem Haus Frl. Micky Damremont, besonders ihre Erscheinung als Friedenssonne im Schlußtableau war von übermaterieller, schlackenloser Schönheit. Eine luxemburger Damenriege, die in Ballettröckchen durch die Schrecken der Opium- und Cocaïnhöhle schwebt, bildet zu der Anmut der Gastin eine lobenswerte Folie. Wie weit! oh wie weit sind wir mit ihnen von den schüchternen Versuchen der ersten Jahre!
Herr Voeres hat als Arrangeur, Komponist und Dirigent eine Last auf sich genommen, die er mit spielender Eleganz trägt. Nicht nur in dieser dreifachen Eigenschaft, auch als Prediger in der Wüste unseres immer noch allzu dürren Musiklebens zeigt er für seine Kunst eine Begabung und eine Begeisterung, an die wenige hinanreichen.
August Donnen trat als Regisseur, als sterbender Legionär und als singender und tanzender Valentino für das Publikum viel zu selten in die Erscheinung. Er ist und bleibt ein Einzelfall. Was wäre aus diesem Kerl - man muß schon so sagen! - also diesem Kerl geworden, wenn er sich der Disziplin einer streng beruflichen Ausbildung bequemt hätte! Dollarmillionär wärest du heute, jawoll August!
Die unzähligen Darsteller und Darstellerinnen verdienen in Bausch und Bogen ein Lob, das ihnen kein Zuschauer wird streitig machen.
Revue heißt in diesem Fall auch Übersicht über die Amateurkräfte, über die ein geeinigtes Dilettantenensemble in Luxemburg verfügen könnte. Mit Kräften wie Moulin, Liesebein, der kleinen Lutty, die in Gestalt einer Marktfrau ungeahnte karikaturistische Blitzlichter ausstrahlte, der jungen Dame, die u. die luxemburger „Mamm“ ergötzlich naturgetreu verkörperte, und vielen andern, deren besondere Erwähnung hier zu weit führte, ließe sich eine Nationaltheatertruppe auf die Beine bringen, die sich vor den Schlierseern und den Straßburgern nicht zu schämen bräuchte.