Original

21. April 1926

Wie stellen Sie sich zur Magnolie? Es ist eine indiskrete Frage, Sie können durch deren Beantwortung glatt Ihren Charakter verraten. Aber die Frage liegt nahe in diesen Tagen der Blütenapotheose.

Die Magnolie verrät schon in ihrem Namen ihr Wesen, ich möchte gleich sagen: Ihren Größenwahn. Magna, die Große. Die Katharina, die Maria Theresia unter den Blumen. Der Name verbreitet eine Atmosphäre von Hochmut, Noserümpfen, Eingebildetheit, Grandiloquenz. Von schönen großen Frauen wird behauptet, sie seien oft dumm. Die Magnolie ist dumm.

Sie ist wie ein falsches Pathos des Frühlings. Der Frühling gibt sich sonst nicht pathetisch. Seine Inbrunst und Leidenschaft sind zu naturnotwendig, zu primär und unmittelbar, um als Pathos zu wirken. Die Magnolie aber deklamiert. sie geht im Schleppkleid, wenn die andern ihrer fußfreien Röckchen froh sind. Sie geht in ihrer Ballrobe über die Straße und darf sich nicht wundern, wenn ihr die weiße Seide verregnet und sich schmutzig verfärbt.

Die Magnolie hält sich, das heißt: ihr weißes Prunkkleid, für die Hauptsache. Seht das Kirschblütchen, wie es sich sorgend, einem schützenden Mäntelchen gleich, über die Staubfäden, die Träger des Lebens hängt, sobald der Regen die Fruchtbarkeit zu verwaschen trachtet. Und seht die Magnolie, wie sie ihren prunkenden Kelch weit dem Regen öffnet, unbekümmert um das Szepter des Lebens, das sie der Unbill des Wetters aussetzt. Es ist, als täte sie beleidigt, daß es überhaupt zu regnen wagt, solange sie draußen zu sein geruht. Liegt nicht eine tiefe, tröstliche Symbolik darin, daß die Blumen, die durch ihre Pracht am meisten bestechen, keine oder schwache Dienerinnen der Fruchtbarkeit sind, und daß aus den bescheidensten Blüten das saftigste Obst entsteht? Die Blüte der schwersten Tafelbirnen ginge fünfzigmal in den Kelch einer Röse, die unfruchtbar verblüht.

Die Magnolie ist keine Kampfnatur. Sie wird vom leichtesten Frost, vom dünnsten Regen schlapp. Und so majestätisch ihre rosa angestrahlte Pracht in makelloser Entfaltung wirken kann, so betrübend ist der Anblick der angegilbten Kelche, ob sie nun eines natürlichen oder unnatürlichen Todes sterben.

Bei den andern Bäumen redet man vom Blütenschnee. Es ist wehmütig, aber schön, wenn die Hunderttausende der immer noch weißen, kleinen Blütenblätter schauernd zur Erde taumeln und Scholle und Rasen hell bestirnen und bedecken. Sie erinnern wirklich an jungfräuliche Schneeflocken. Die Blätter der Magnolie aber sinken plump zur Erde und liegen da wie faulende Fischleichen, ihre Majestät ist zur Massivität vergröbert, ihr Weiß und Rosenrot ist ein schmutziges Gelb geworden. Ihr Pathos ist an der Größe, die es nicht durchhalten konnte, elend zugrunde gegangen.

Nein, die Magnolie gehört nicht in unsern Frühling. Sie ist unter den Exoten unserer Gärten ein Knalleffekt, der in unschönem Geräusch ausklingt.

Sie hat das mit vielen Menschen gemein, u. a. mit denen, die der Sprachgebrauch unter der Bezeichnung „feierliche Dummköpfe“ zusammenfaßt.

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    Katalognummer BW-AK-014-3160