Wir sprachen hier dieser Tage von der Möglichkeit, in Luxemburg eine mustergültige Nationaltheatertruppe von Dilettanten auf die Beine zu bringen.
Der Zufall will, daß uns nicht später, als übermorgen, Samstag, von außen her gezeigt werden soll, wie es gemacht wird.
Die Bewegung krankte bei uns fast immer an der Enthaltung der intellektuellen Kreise. Wer hier aus Liebhaberei Theater spielte, das waren fast immer Angehörige der breiteren Volksschichten. Ihnen gelangen vorzügliche Leistungen, die kein Einleben in ein ungewohntes Milieu mit unvertranten gesellschastlichen Formen voraussetzten. In andern Worten, sie spielten sich selbst. Höher hinauf mußten sie versagen. Unsere heimische Bühne wird das Leben unseres engeren Kreises in seinem ganzen Ausmaß erst dann bewältigen können, wenn sich Angehörige aller Schichten für sie aktiv einsetzen.
Dies Ideal ist in überraschendem Umfang in Straßburg verwirklicht. Dort hat sich eine „Troupe d’art dramatique“ gebildet, die den Bühnendilettantismus auf das Niveau einer Kunst für sich gehoben hat.
Wenn man von Bühnendilettanten spricht, pflegt man darunter Leute zu verstehen, die für ihr Leben gern Theater spielen, aber weder ihre Rolle lernen noch mit ihren Armen und Beinen das Richtige an- zusangen wissen. Sie unterscheiden sich eben dadurch von dem, was man in der Regel unter einem Berufsschauspieler versteht.
Lernt aber derjenige, der sich zur Bühne durch natürliche Anlage gedrängt fühlt, seine Rolle aufwendig, weiß er von seiner Kinderstube her seine Glieder zweckmäßig, d. i. ästhetisch zu bewegen, wozu auch gehört, daß er eine deutliche Aussprache hat ein erstes Erfordernis internationaler Wohlerzogenheit - so kann unter Umständen dieser Dilettant den akademisch am sorgfältigsten gedrillten Berufsschaufpieler aus dem Felde schlagen. Denn der akamische Drill wird leider nur zu oft zum dicken, immer dickeren Ölfarbenanstrich, unter dem die schöne originelle Maserung der Persönlichkeit verschwindet. Das hat dann der gute Dilettant vor dem Professionellen voraus, daß er ursprünglicher, menschlicher und uneingeschient, ohne den dicken Ölanstrich eines erstarrten Stils.
Diese Vorzüge werden der Straßburger „Tro d’art dramatique“ nachgerühmt. Sie besteht vor wiegend aus Mitgliedern, die die äußern Lebensformen schon vermöge ihrer gesellschaftlichen Ein ordnung meistern und vermöge ihres Bildungsgrades befähigt sind, sich in den Charakter einer Rolle einzufühlen. Wir finden darunter Professoren verschiedener Fakultäten, die Gattin des Direktors des Geologischen Instituts bei der wissenschaftlichen Fakultät, Industrielle, Ärzte, höhere Verwaltungsbeamte und ihre Gattinnen, Angehörige bekannte elsässischer Adelsfamilien, die Töchter und Söhne des Universitätsrektors und verschiedener Professoren u. s. w.
Diese Elite-Truppe hat sich erboten, unter den Auspizien der hiesigen „Alliance Française“ am nächsten Samstag Abend in unserm Stadttheater aufzutreten.
Wir sind theatermüde, jawohl! Aber eine solche Truppe und ein solches Programm überwinden alle „On ne saurait penser à tout“, von Alfred de Mussol und „L’Amour médecin“, von Molière mit Ba Musik von Lulli, getanzt in kostbaren Toiletten, mit den hübschesten jungen Mitgliedern der Truppe.
Sie sehen, der Abend verspricht einen durchschlagenden Erfolg.
Und dabei steht die Höhe der Eintrittspreise in umgekehrten Verhältnis zur Höhe und Güte der Darbietungen. Es wird die billigste Aufführung der Saison, weil die Straßburger Damen und Herten der „Alliance Française“ entgegen kommen wollen und den Erlös aus dem Verkauf der Theaterkarten als Beitrag zu den Kosten ihrer Kunstreise betrachten.
Wir wünschen nur eines: Daß der sichere Erfolg am Samstag Abend für uns eine unwiderstehliche regung zur Nacheiferung werde, damit wir in naher Zukunft mit den Straßburgern in ein gedeihliches Austauschverhältnis treten können.